Tablet PC:
Zeit für einen Reboot?
Schon seit etlichen Jahren versucht sich die PC-Branche immer wieder darin, per Schreibstift gesteuerte Computer im Markt zu verankern. Das Thema scheint eine unerklärliche Faszination auszuüben. Vielleicht ist es der Versuch, die so unnatürlich scheinende PC-Bedienung per Tastatur und Maus durch die offenbar viel “menschlichere” Variante per Stift zu ersetzen und damit den Einsatzbereich des PCs zu erweitern.
Die aktuelle Generation des Stiftcomputers ist natürlich der Tablet PC. Die zugehörige Windows-Version wurde von Microsoft vor nunmehr bald vier Jahren auf den Markt gebracht und kann bei allem Wohlwollen nicht als gigantischer Erfolg bezeichnet werden. Zwar sieht man inzwischen mehr Tablet-PCs in freier Wildbahn als auch schon, aber der Einsatz bleibt weitgehend auf Nischenmärkte beschränkt. Auch den neusten Versuch, das Tablet-PC-Prinzip mit dem konsumentenfreundlichen Ultra-Mobile PC massentauglich zu machen, muss man wohl zumindest vorerst als gescheitert ansehen.
Microsoft hat kürzlich still und heimlich die Tablet-PC-Gruppe umbenannt. Das Team trägt jetzt den microsoft-typisch eleganten Namen “Mobile and Tailored PC Division” (Man fragt sich wirklich, wer sich diese Namen immer ausdenkt…). Jedenfalls aber könnte das ein äusserliches Zeichen dafür zu sein, dass man sich von der ursprünglichen Tablet-PC-Vision verabschiedet. Und das ist möglicherweise gut so.
GottaBeMobile.com hat einen interessanten Artikel darüber, wie ganz normale User in der Praxis Tablet-PCs tatsächlich einsetzen. Resultat: Die wundervollen “Ink”-Funktionalitäten benutzt kaum jemand, weil kaum jemand kapiert, wie man damit umgehen soll. Die meisten User setzen den elektronischen Stift als Navigationsgerät ein und machen vielleicht gelegentlich noch eine Skizze. Text hingegen wird praktisch ausschliesslich per Tastatur erfasst.
Als langjähriger Tablet-PC-Benutzer (derzeit immer noch glücklicher Besitzer eines Motion Computing LE 1600) kann ich nur bestätigen, dass diese Beobachtung wirklich der Realtität entspricht. Ich benutze die Handschrifterkennung meines Tablet PCs so gut wie nie, weil sie mit ihrer ca. 95%igen Genauigkeit immer noch viel zu fehleranfällig ist. Die meisten von Microsoft propagierten Anwendungszwecke (Dokumente mit Anmerkungen versehen, handschriftliche E-Mails etc.) sind nicht wirklich praxistauglich. Ideal ist ein Tablet-PC in Meetings, da dann zwischen den Gesprächspartnern nicht ein Notebook-Screen als “Mauer” besteht. Aber das allein rechtfertigt den höheren Preis eines Tablet PCs für die meisten User wohl nicht.
Was läuft da falsch? Ich bin überzeugt, dass der Teufel vorwiegend im Detail steckt. Es sind oft kleine Änderungen in der Usability, die für eine neue Technologie den Unterschied zwischen Rohrkrepierer und Massenphänomen ausmachen. Apple hat mit dem iPod nicht neu erfunden, was ein MP3-Player ist, aber hat ein paar wesentliche Dinge besser gemacht als alle anderen.
Hier ein paar kleine Dinge, die mein Tablet-PC besser machen könnte:
- Touchscreen und digitaler Stift: Tablet PCs haben einen sogenannt “aktiven Digitizer”, können also nur mit einem speziellen Stift bedient werden.
UMPCs haben hingegen einen Touchscreen, der auch mit dem Finger genutzt werden kann, dafür aber weitgehend unbrauchbar für Handschrift-Eingabe ist. Warum geht eigentlich nicht beides im gleichen Gerät? Ein Tablet-PC sollte beide Varianten anbieten. Mein Tablet-PC “weiss” schliesslich, wann der Digitalstift genutzt wird und könnte dann gefälligst den Touchscreen ignorieren. Das würde die Bedienung erheblich intuitiver machen.
- Pragmatischere Notizen-Software: Microsoft OneNote ist die vermutlich meistbenutzte Software für die Erfassung von Notizen auf dem Tablet PC. Wie so viele Microsoft-Applikationen bietet dieses Programm viele, viele tolle, aber leider komplett unbenutzbare Funktionen, die sich aber immer wieder mal in den Vordergrund drängen. Darum verbringt man die meiste Zeit damit, das Programm zu bedienen, statt das zu tun, was man eigentlich will: Dinge aufzuschreiben. OneNote versucht, mit Handschrift im Prinzip alles zu machen, was man mit normalem Text tun kann. Aber das ist sowohl unnötig wie auch verwirrend.
- Bessere Korrekturfunktionen: 95% Genauigkeit bei der Handschrifterkennung heisst: jedes 20. Wort ist falsch. Das wäre nicht so tragisch, wenn die Korrekturmethode effizienter wäre, aber daran kranken die heutigen Tablet PCs. Was macht man, wenn man beim Schreiben auf Papier mal einen Buchstaben unleserlich hingekrakelt hat? Man schreibt einfach drüber. Warum versteht eigentlich mein Tablet PC das nicht?
- Mehr Hardware-Bedienungselemente: Tablet-PCs haben gegenüber normalen PCs einige Tasten mehr, zum Beispiel für Screen-Rotation. Aber das sind immer noch zu wenige. Beispielsweise ist ein Tablet prima zum Lesen von Dokumenten geeignet. Warum gibt es hierfür kein einfach zugängliches Scrollrad statt unbedienbaren Mini-Steuertasten?
- Längere Batterielebensdauer: Natürlich ein normaler Wunsch für jeden tragbaren PC, aber bei Tablets besonders wichtig. Man kann sich nicht auf einen digitalen Notizblock verlassen, wenn er immer wieder mal mitten in der Sitzung den Geist aufgibt. Seit ich eine erweiterte Batterie zu meinem LE1600 habe, ist seine Nützlichkeit dramatisch angewachsen — um den Preis von deutlich mehr Gewicht.
- Praxistauglichere Keyboard-Optionen: Tablet PCs gibt es in zwei Sorten: Die “Slates” haben gar kein eingebautes Keyboard und sind darum auf irgendwelche Hilfskonstruktionen angewiesen. Die “Convertibles” sind im Prinzip normale Notebooks, bei denen der Screen so umgeklappt werden kann, dass er als Tablet-Oberfläche benutzt werden kann. Beide Lösungen sind keineswegs optimal. Ich frage mich, warum mein Slate nicht einfach einen simplen Klappständer eingebaut hat, mit dem man das Ding vernünftig aufstellen kann. Eine USB- oder Bluetooth-Tastatur würde das Ding dann sofort in einen brauchbaren stationären PC verwandeln.
Und wie gesagt: Das sind nur die kleinen Dinge. Eins der grossen Dinge ist die Tatsache, dass die heutige Windows-Umgebung halt leider dafür optimiert ist, per Tastatur und Maus bedient zu werden. Der digitale Stift bleibt da immer irgendwie ein Fremdkörper, den man auch noch irgendwie reingequetscht hat. Mir kommt das vor wie damals vor vielen Jahren die textbasierten DOS-Applikationen, die man behelfsmässig auch noch per Maus steuern konnte. Das einzige, was man mit der Maus machen konnte, war das Auswählen von Menüpunkten. Eine echte grafische Benutzeroberfläche ist aber etwas ganz anderes.
Und in der gleichen Weise braucht ein Tablet nicht ein erweitertes Windows, sondern eine Oberfläche, die wirklich auf Stiftbedienung optimiert ist. Da Microsoft sich ja aber derzeit fast ausschliesslich mit seinem Vista-Projekt beschäftigt, ist die Hoffnung wohl vergebens, dass aus dieser Richtung eine Innovation kommt.
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(9. März 2008 16:02)
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