Medienkonvergenz in Asien:
Ein paar Impressionen

Andreas Göldi, 2. Juni 2007 14:21 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Bin gerade zurück von einer Studienreise nach China und Südkorea. Dass diese beiden Länder derzeit wie wild wachsen, ist allgemein bekannt. Das geht auch an der Medienlandschaft nicht spurlos vorbei. Ein paar Beobachtungen:

Dass in China immer noch das Internet zensiert wird, ist mehr als nur ärgerlich. Es dürfte langfristig auch ein echtes Hindernis für das weitere wirtschaftliche Wachstum des Landes werden. Besonders komisch ist, wie inkonsistent die Zensur ist. Manchmal kommt man nicht auf komplett unverdächtige Websites, dann geht es plötzlich wieder. Regimekritische Sites sind teilweise gesperrt, teilweise aber auch nicht. Eigentlich könnte man die Zensur auch gleich weglassen, wenn sie eh so löchrig ist. Aber bisher halten sich Google und Co. noch streng daran: Die lokalen Suchresultate sind oft ganz anders als im Westen.

Die Chinesen sind allerdings generell ein pragmatisches Volk, und das gilt auch für die Regierung. Das Land wird graduell geöffnet, und das gilt auch für das Internet. Vermutlich dürfte mit etwas internationalem Druck die digitale Zensur in fünf Jahren verschwunden sein. Gute Geschäfte sind heute in China erheblich wichtiger als Ideologie.

Viel Spass scheinen die Chinesen an riesigen Videoscreens zu haben.

Verglichen mit dem Zentrum von Schanghai wirkt der New Yorker Times Square geradezu langweilig und übersichtlich. In Schanghai sind ganze Wolkenkratzerfassaden zur Videowiedergabe umfunktionert worden, überall gibt es Video-Werbeflächen, und die zahlreichen Leuchtreklamen erhöhen noch die visuelle Dichte. Beijing wirkt dagegen erheblich ruhiger und gesetzter, wie es sich für eine Hauptstadt vielleicht gehört. In beiden Städten fällt aber auf, wie interessant und vielseitig die moderne Architektur ist. Wolkenkratzer sind nie einfach quaderförmig, sondern weisen immer noch irgendwelche interessanten Features auf.

Chinesisches Fernsehen ist auch irgendwie anders. Nicht, dass ich vom Inhalt viel verstanden hätte, aber formal wirken auch die TV-Inhalte bunter. Besonders gefallen hat mir eine Talkshow, wo ein offenbar berühmter Kalligraphist auftrat (auch das ja eine chinesische Spezialität) und von irgendwelchen Promis ehrfürchtig befragt wurde. Das ganze wurde untermalt von ständig im Hintergrund eingespielten “Huuuiiii”- und “Zosch”-Lauten zwecks Markierung der lustig gemeinten Stellen. Auch die Fernsehwerbung ist interessant. Es geht fast immer um Autos, Kosmetik oder Alkohol. Und die westlichen Konzerne bemühen sich um lokale Anpassungen: Da wird beispielsweise das Michelin-Männchen beim Karatetraining gezeigt.

Zu meinem Entsetzen tun sich die Chinesen auch ein paar eher mässige westliche Inhalte an, beispielsweise die Pseudo-Wissenschaftsshow “Clever!” von Sat.1 mit Wigald Boning. Zur Beantwortung der Wissensfragen, die in Deutschland irgendwelchen B-Listen-Promis obliegt, werden in China dann arme Schulkinder vor die Kamera gezerrt.

Südkorea ist bekanntlich das Land mit der höchsten Durchdringung an Breitband-Internet, und das ist kein Zufall. Die Regierung steuert bewusst den Aufbau solcher strategischer Assets. Korea hat einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem viel reicheren Japan und dem schneller wachsenden China, und dementsprechend tun die Koreaner alles, um sich technologisch abzuheben.

Die Gadget-Dichte ist dementsprechend auch geradezu absurd. Im durchschnittlichen Taxi hängen am Armaturenbrett: Ein lustig blinkendes digitales Taxameter, ein High-End-Navigationssystem (Bildschirm nicht unter 12 Zoll), zwei bis drei Mobiltelefone, ein oder zwei drahtlose Kreditkartenterminals sowie oft noch ein mobiler Fernseher zwecks Unterhaltung des Fahrers. Lückenloser Mobiltelefonempfang ist natürlich auch selbstverständlich. Ich habe während der ganzen Reise in Korea nie weniger als perfekten UMTS-Empfang (fünf von fünf Strichen) erlebt, U-Bahn inbegriffen.

Wer wie ich denkt, dass er bezüglich Gadget-Shopping schon alles gesehen hat, sollte mal den Yongsan Electronics Market in Seoul besuchen. Das ist ein ganzer Stadteil voller kleiner Elektronikshops. Die Preise sind nicht niedriger als anderswo, aber die Auswahl ist unglaublich. Mobiltelefonshops haben beispielsweise grundsätzlich nicht weniger als etwa 150 Modelle in der Auslage, und das sind nur die kleinen Läden. Natürlich gibt es viele Telefontypen, von denen wir im Westen nur träumen können. Satellitenfernsehempfang und eingebaute Kameras im Bereich über 4 Megapixeln sind fast schon Standard. Leider funktionierten die Dinger aber nicht ausserhalb Koreas. Selbst professionelles Equipment und antiquarische Gadgets findet man in reicher Auswahl. Sogar eine alte Plattenschneidemaschine konnte man direkt ab Lager käuflich erwerben.

Traditionelle Medienkonzerne sind aber auch hier nicht viel anders. Wir besuchten den Maekyung-Verlag, Herausgeber der grössten koreanischen Wirtschaftszeitung. Der Verleger sprach zwar ständig über Konvergenz und über die Wichtigkeit des Internets, aber die Firmentour beschränkte sich trotzdem auf die hauseigenen Fernsehstudios und die mit besonders viel Stolz vorgeführte gute alte Druckmaschine.

Bezüglich Internet habe ich aber klar eines gelernt: Die asiatischen Märkte funktionieren in vielen Dingen komplett anders. Das sieht man besonders deutlich am Website-Design. Während Westler die Einfachheit der Google-Homepage schätzen, präsentiert die führende koreanische Suchmaschine Naver (77% Marktanteil) eine extrem überladene Einstiegsseite, dito die chinesischen Portalseiten QQ und Sohu.com. Sogar neue Eyetracking-Studien bestätigen, dass es da wirklich unterschiedliche kulturelle Präferenzen gibt. Google sah sich darum jetzt gerade gezwungen, die eigene koreanische Seite anzupassen und mit mehr Content anzureichern.

Der Gründer und CEO des führenden chinesischen Portals Sohu.com, Charles Zhang, erklärte uns in einer Session denn auch, dass er oft Mühe mit seinen westlichen Investoren hat. Die wollen ihn nämlich einfach dazu kriegen, immer alle neusten Silicon-Valley-Trends in China zu adaptieren, und das funktioniert halt nicht. Asiaten haben mehr Geduld und beschäftigen sich viel ausführlicher mit Internet-Inhalten, das sagen die Gesprächspartner und Usabilitystudien übereinstimmend aus. Zhang schreibt das dem unbändigen Willen der Chinesen zum Erfolg zu: Man will eben alles ganz genau wissen und hat Angst, eine Information zu verpassen, die einem vielleicht nützlich sein könnte.

Eins wurde mir bei diesem Besuch klar: Obwohl sich die Asiaten oberflächlich gesehen stark an westlicher Technologie und Konsummustern orientieren, funktionieren die Märkte wirklich fundamental anders. Kein Wunder, dass westliche Internet-Konzerne wie eBay (das gerade sein China-Office geschlossen hat), Yahoo oder Google sich schwer tun.

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