Das nächste Schlachtfeld:
Offline-Plattformen für Web-Anwendungen
Googles Ankündigung von “Google Gears“ letzte Woche hat nicht viele Schlagzeilen ausserhalb der Bloggerszene gemacht, aber sie könnte bedeutender sein als das meiste, was man von Google in letzter Zeit gehört hat. Während sich die Presse immer noch auf die teure Akquisition von DoubleClick konzentriert, kommt die Ankündigung von Gears nicht so sexy daher. Bei dem neuen Produkt handelt es sich laut Google um “an open source browser extension that enables web applications to provide offline functionality using JavaScript APIs“. Sagt dem Nicht-Programmierer nicht viel.
Aber was Google da vorbereitet, könnte einen massiven Plattformkrieg mit Microsoft auslösen. Google Gears macht es nämlich möglich, webbasierte Anwendungen lokal auf einem PC bzw. Mac laufen zu lassen, ganz ohne Internetverbindung. Solche Applikationen funktionieren also auch im Flugzeug, in der U-Bahn oder sonstwo, wo kein Internetanschluss ist.
Damit fällt eine der letzten Hürden für browserbasierte Anwendungen.
Wie das aussehen kann, zeigt Google in schon ziemlich beeindruckender Weise beim Google Reader, der hauseigenen RSS-Applikation. Bisher funktionierte Google Reader nur online, aber neu gibt es ein kleines Icon, das alle abonnierten Feeds auf die lokale Festplatte synchronisiert:

Auch ohne Netzverbindung kann man dann seine Feeds unterwegs lesen. Wenn man wieder am Netz ist, synchronisiert sich Reader einfach wieder mit der Online-Version. Bisher waren solche Dinge nur mit traditionellen Client-Applikationen à la FeedDemon möglich. Aber Google Reader läuft auf Windows, Mac OS X und Linux, und das mit den meisten gängigen Browsern. So irrelevant war das darunterliegende Betriebssystem noch selten für eine Applikation. Google hat auch schon klar angedeutet, dass Offline-Varianten von “Docs & Spreadsheet” bald zu erwarten sind.
Doch nicht nur Google bastelt an Offline-Funktionalität, auch eine ganze Reihe anderer Mitspieler sind im Rennen:
- Adobe kündigte mit Apollo kürzlich eine auf Flash basierende und vom Browser unabhängige Offline-Plattform an, die einiges leistungsfähiger als Google Gears zu sein scheint. Die ersten Demoanwendungen haben bisher aber noch experimentellen Charakter. Adobe war von Googles Ankündigung offenbar nicht unbeeindruckt und hat sicherheitshalber schon mal die weisse Flagge ausgerollt. Die offenbar geplante Kooperation von Adobe und Google könnte ziemlich vielversprechend werden.
- Die Mozilla-Community hat für Firefox 3 ebenfalls Offline-Fähigkeiten geplant. Auch dort sind die Pläne durchaus ehrgeizig. Dass Mozilla auch gern mal eng mit Google zusammenarbeitet, ist kein Geheimnis.
- Ein paar unabhängige Startups, unter anderem Dekoh und Joyent, versuchen sich ebenfalls an ähnlichen Projekten. Im Kampf der Giganten dürfte es für diese kleineren Player aber schwierig werden.
Die grosse Frage ist natürlich: Was macht Microsoft? Der Desktop-König aus Redmond kann schwerlich ein Interesse daran haben, dass Hauptrivale Google bzw. die Open-Source-Community zunehmend das Desktop-Betriebssystem irrelevant machen.
Mit dem kürzlich angekündigten Flash-Clone Silverlight versucht sich Microsoft immerhin schon mal ein bisschen in Cross-Plattform-Kompatibiltät. Bisher ist Silverlight aber rein auf Online-Anwendungen ausgelegt, für den Offline-Bereich legt einem Microsoft weiterhin den Erwerb seiner klassischen Produkte nahe. Ganz klar: Microsoft ist in der Defensive. Wer kauft sich noch ein teures Windows Vista, wenn vielleicht schon bald Firefox die eigentlich relevante Applikationsplattform ist?
Aber: realistisch gesehen wird es noch ein paar Jahre dauern, bis webbasierte Anwendungen wirklich so gut sind, dass man nur noch selten lokal installierte Applikationen benutzen will. Gerade bei den klassischen Office-Anwendungen (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) sind die Unterschiede noch extrem gross, und auch mit der von Google vorgestellten Infrastruktur wird es nicht möglich sein, ein Excel-Äquivalent im Browser zu programmieren. Aber die Frage ist natürlich: Brauchen wirklich so viele Leute all die High-End-Funktionalität, die Microsoft bietet? Oder reicht vielleicht nicht für viele auch ein ganz einfaches Spreadsheet, das im Browser läuft?
In einigen Bereichen dürften Desktop-Anwendungen jedenfalls bald ziemlich tot sein. Zum Beispiel gibt es nur noch wenige Gründe, sich ein CRM-System mit lokal installierter Clientsoftware anzuschaffen. Die webbasierten Lösungen von Salesforce.com oder Oracle/Siebel sind längst führend. Dito bei Kollaborationsanwendungen: Wer braucht angesichts der vielen guten Weblösungen noch ein lokal installiertes Lotus Notes oder Microsoft Groove? Und E-Mail-Clients könnten das nächste Opfer sein. Gegenüber der schlichten Eleganz von Gmail, Yahoo Mail oder Zimbra sieht das aufgeblähte Microsoft Outlook zunehmend alt aus.
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