Fragwürdige Startup-Ideen:
Die Bubble ist eindeutig zurück
Eigentlich dachte man ja, dass wir alle was gelernt haben aus dem Platzen der Internet-Bubble im Jahr 2000. Aus dem überschwänglichen Internet-Boom wurde damals in kürzester Zeit eine ziemlich brutale Krise. Und all die substanzlosen Dotcom-Geschäftsideen, die auf irgendwelchen Phantasie-Projektionen beruhten, wurden mit in den Abgrund gerissen.
Und doch, wenn man im Moment in einschlägigen Blogs so mitverfolgt, was für merkwürdige und unoriginelle Ideen mit Millionenbeträgen finanziert werden, fragt man sich schon, ob die Lektionen von damals schon alle vergessen sind.
Allein in den letzten zehn Tagen haben folgende Ideen je zweistellige Millionenbeträge an Venture Capital erhalten:
- Ein Anbieter von Online-Videoplayern (wie YouTube, aber etwas anders)
- Ein Anbieter von Suchmaschinen (wie Google, aber etwas anders)
- Eine Website mit Produkt-Testberichten (wie Epinions, aber etwas anders)
- Ein Social Network für Leute ca.
Mitte Dreissig (wie Facebook, aber etwas anders)
- Ein Social Network nur für Ärzte (wie die anderen mindestens 10 Social Networks für Ärzte, aber …)
- Ein Anbieter von virtuellen 3D-Welten (wie Second Life, aber mit noch weniger Usern)
- Eine Firma, die Heimkino-Anlagen verkauft (wie … ach, lassen wir das)
- Mindestens drei oder vier Startups, die alternative Treibstoffe herstellen wollen, sowie drei Hersteller von Sonnenkraftwerken.
Falls sich diese Ideen alle etwas unoriginell anhören, ist das kein Zufall. Venture Capitalists investieren gern grosse Summen in Firmen, die erfolgreichen Vorbildern nacheifern, denn damit reduziert sich vermeintlich das Risiko.
Noch schlimmer: Diese Nachahmer-Firmen sind nur die Spitze des Eisbergs und oft noch relativ gesehen die besten Ideen. Was sonst noch so in der Szene herumgeistert, sieht man oft an Startup-Veranstaltungen, die wieder wie Pilze aus dem Boden schiessen.
Zum Beispiel: Heute war ich hier in Boston an so einer Versammlung, deren Name diskretionshalber ungenannt bleiben soll. 9 Web-Startups, alle noch vor ihrer ersten richtigen VC-Runde, führten ihre Ideen vor.
Noch zu den vernünftigeren Projekten gehörte da die Do-it-yourself-Innenarchitektur-Website, mit der man sich virtuell einen Raum neu ausstatten kann. Hat man aber auch schon mal irgendwo gehört, meine ich. Auch dass ein Sharing-Dienst für offene Stellen oder eine Website, auf der man ohne echten Geldeinsatz an der Börse zocken kann, vielleicht funktionieren könnten, kann man sich noch vorstellen. Alles nicht wahnsinnig originell, aber immerhin.
Aber dann: Da will ein Startup einen Browser für Mobiltelefone anbieten, kombiniert mit Social Bookmarking und automatischen Site-Empfehlungen. Vielleicht interessant, aber zu exotisch, schwer durchzusetzen und kaum finanzierbar. Eine andere Firma bietet eine Art Luftgitarren-Spiel fürs Handy an. Lustige Idee, aber das Geschäftsmodell bleibt ein Geheimnis. Und ein weiteres Startup will Hundehaltern drahtlos kommunizierende elektronische Hundeanhänger verkaufen, damit Herrchen/Frauchen stets mitverfolgen kann, was Fifi gerade so treibt. Social Networking für Hunde ist auch gleich mit dabei, falls sich das jemand gefragt hat.
Noch eine andere Firma will gern WiFi-fähige digitale Bilderrahmen mit Inhalten beschicken. Man kann sich da aus diversen Bilderfeeds selbst was zusammenstellen, anderen Leuten schöne Bilder weiterempfehlen und so weiter. Was denn das Geschäftsmodell sei, fragt jemand aus dem Publikum. “Diese Frage musste ja kommen”, seufzt der Gründer und versucht uns vergeblich davon zu überzeugen, dass kleine Werbeeinblendungen in den Bildern sowohl bei den Usern wie auch den Werbekunden auf Akzeptanz stossen werden.
Höhepunkt ist dann ein Dienst, der eine Art Online-Mitfahrzentrale anbieten will, dank der sich die Leute schön umweltschonend Autofahrten teilen können. Davon gibt es zwar auch schon ein gutes Dutzend, aber diese Firma bietet einen neuen Kniff an: Die Anwendung läuft nämlich …. als Facebook-Applikation! Und die Applikation rechnet auch gleich noch aus, wie viel CO2 man dank Carsharing eingespart hat!
Der Gründer hat dann allerdings mit der Demo seine liebe Mühe, denn die Facebook-Website antwortet einfach nicht. Etwa viereinhalb seiner fünf Minuten Redezeit verwendet er dann darauf uns zu erklären, wie schrecklich unzuverlässig Facebook doch sei. Da im Raum wohl fast alle Anwesenden Facebook-Benutzer sein dürften und diese Erfahrung kaum teilen können, geht die Predigt ziemlich daneben.
Auch hier wird nach dem Geschäftsmodell gefragt. Ganz einfach, sagt der Gründer, etwas genervt. Der Dienst rechnet die Fahrtkosten aus, und da die Mitfahrer sich daran ja beteiligen werden, kann die Anwendung die Zahlung abwickeln und kassiert davon 10%. “Aber was ist, wenn ich dem Fahrer einfach fünf Dollar gebe und Ihr nie was seht von dem Geld?” will der penetrante Frager wissen. Der Gründer versichert uns, dass er sich das ganz genau überlegt hat und sicher ist, dass die Leute das niemals machen würden. Klar, glauben wir alle auch.
Bubbliger kann man kaum werden: Social Networking kombiniert mit einem kräftig grünen Rettet-das-Klima-Sendungsbewusstsein und einem löchrigen Businessmodell, und das auch noch auf Facebook. Eine fette Venture-Capital-Runde muss da unmittelbar bevorstehen.
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15 Kommentare zu diesem Artikel
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Goggi
Interessant zu wissen, dass nicht alles glänzt auch wenn es in Amerika gegründet wird. Da werden wohl viele vom YouTube-Deal geblendet und man kann ja mal was gründen, vielleicht lässt es sich ja ähnlich teuer verkaufen. Neben diesen Start-Up-Blasen sind wohl 99,9% in Verbindung mit Web 2.0, oder überhaupt dem Internet entstandenen Ideen nichts weiter als Bubbles. Viele Menschen glauben, viel Geld lasse sich auch verdienen, ohne die Tastatur verlassen zu müssen. Selbst ich versuche mich als Schribtischtäter, indem ich von hier aus einfach mal Schreibe und hoffe, es werde gelesen. Der Traum vom grossen Los. Eigentlich schade, wenn man es nicht wenigstens probiert
Georg
Da würde ich nich so streng sein. Ich würde zwar nicht unbedingt mein gesamtes Geld in diese Ideen investieren, aber so schlecht sind die nicht. Es muss ja nicht jeder so groß werden wie Google.
Übrigens gab es schon vor Google Suchmaschinen. Wenn Larry und Sergej sich dachten, dass Altavista ohnehin schon erfunden wurde, dann würde es Google nie geben.
Übrigens: Auch wenn ich diesmal nicht einer Meinung bin, gehört dein Blog zu meinen absoluten Favoriten!
Grüße aus Österreich
Georg
marcel weiß
Die Kosten, heute ein STartup zu gründen, liegen nahezu bei null. Deswegen kommt es zu unsinnigen Ideen. Weil’s die Gründer kaum was kostet und einfache Geschichten relativ schnell aufgesetzt sind.
Kaum ein Startup ist außerdem an der Börse. Alles ist eigen- oder venturefinanziert.
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Wie kann es bitte eine Blase ohne Börsenspekulation geben?
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siehe auch meinen Artikel dazu von vor einem Monat:
http://www.neunetz.com/2007/08/03/warum-wir-uns-nicht-in-einer-blase-befinden/
Serkan / Tokyotronic
Das sind schon gute Punkte, die hier vorgetragen werden.
Ich sehe zwei Unterschiede zur Situation vor 6-7 Jahren:
1)
Die Börse ist bei nahezu allen Deals außen vor. Xing ist meines Wissens nach der einzige Web 2.0-Dienst WELTWEIT, der einen IPO durchgeführt hat. Das ist IMHO ein wesentlicher Unterschied.
2)
Die Summen, die in die neuen Ideen gepumpt werden, sind viel niedriger. Dazu machen sowohl Investoren als auch Gründer IMHO einen vernünftigeren Eindruck: Viel weniger Geld für unerprobte Ideen und keine verglasten Luxusbüros für 22-jährige “Wanna-Be”s mehr.
Marcel Bennberger
Bla bla bla. Macht doch selbst eine Company auf und erzähl hier nicht herum.
Wir können stolz auf unsere Web 2.0 Firmen sein, die endlich mal MUT beweißen und Arbeitsplätze schaffen.
Du bist mal wieder ein Vorbild für einen Deutschen, der eher herumnörgelt als handelt. Herzlichen Glückwunsch, danke und Ciao!
Sven Drieling
Das Problem scheint mir mehr darin zu liegen, dass eine Finanzierung per Werbung ihre Grenzen hat (, es aber zu jeder Idee schon zig kostenlos nutzbare Umsetzungen gibt) und niemand im Netz für etwas direkt Geld bezahlt, insbesonders wenn es sich um Dienstleistungen handelt, auch wenn man es im täglichen Leben selbstverständlich tut.
Eugen
Ach ja, wie in alten Zeiten :-)
Arbeitsplätze schaffen ist ein gutes Stichwort. @Marcel - hast du die “New Economy” um 2000 miterlebt? Falls nicht, empfehle ich dir mal das Archiv auf http://www.boocompany.com.
Sicherlich ist es löblich Arbeitsplätze zu schaffen - allerdings bitte nicht erneut nach der Hire&Fire-Mentalität von damals.
Andreas Goeldi
@Marcel Bennberger: Mit Verlaub, ich habe in meinem Leben schon mehr als eine Firma aufgemacht und bin derzeit gerade an einer weiteren dran. Gerade deshalb erlaube ich mir, nicht jede Schnapsidee einfach gut zu finden. Mut ist leider nicht die einzige Zutat, die man fuer unternehmerischen Erfolg braucht.
Und ausserdem bin ich kein Deutscher :-)
marcel weiß
Trackbacks funktionieren hier nicht?
Ich mach’s mal manuell:
http://www.neunetz.com/2007/09/11/die-woechentliche-blasendiskussion/
Goggi
Am Montag erscheint bei mir ein kleiner Artikel zum Thema 2.0 gelangweilt.
Frank Huber
Hallo Herr Göldi - schon wieder einer ihrer Besserwisser-Artikel. Denn Sie scheinen alles besser zu wissen, v.a. besser als VCs, die ihr Geld in Firmen stecken. Die müssen ja - mit Verlaub gesagt - alle total bescheuert sein und ihre Millionen geradezu zum Fenster herauswerfen …
Mein Tipp: Denken Sie mal über sich und andere etwas nach - nach dem Sokratischen / Popperschen Motto: “Ich weiss, dass ich nichts weiss - und kaum das”.
Denn ich denke Sie freuen sich auch mal, wenn ein VC ihren Business Plan vorbehaltlos liest, oder?
Andreas Goeldi
Hallo Herr Huber,
Das finde ich sehr aufmerksam von Ihnen, dass Sie mich immer wieder mal versuchen zu provozieren hier in den Kommentaren (Linkbait?).
Aber eigentlich finde ich es produktiver, wenn man Argumente austauscht statt nur Beleidigungen. Jeder hat ein Recht auf seine Meinung, aber die sollte man auch begruenden koennen. Zu meiner Meinung ueber manche VCs finden Sie hier im Blog diverse Artikel mit mehr Hintergrundinfos.
Beste Gruesse,
Andreas Goeldi
Frank Huber
Hallo Herr Göldi,
warum denn gleich so beleidigt? Zu meinen Begründungen mehr auf meinem Blog - in diesem Sinne alles Gute auf Ihrem Trip!
MfG,
Frank Huber
Bowel problem
Well I ‘ m uk based doctor in the field of Gastroenterology.
I have done lots of researcha nd treatment on the various Gastroenterology as
Bloated stomach, Bowel problem and Symptom of trapped wind
I would like to share my experience with you and other doctors.
please refer our company website.
Doniv Amrev
http://www.digestivecare.co.uk
Matthias
Ich weiss nicht ob es schon die Spur von Ernüchterung ist, aber Google schreibt schon mal einen Großteil der Investition für den 5-Prozent-Anteil an AOL ab. Wenn ich lese, was Startups wert sein sollen, dann fasse ich mir manchmal als Hirn. Die dahinter stehende Software kann meist ein Mini-Team von SW-Entwicklern innerhalb einer Woche wahrscheinlich in besserer Qualität nachbauen, die angebliche Community besteht zu 90 Prozent aus Karteileichen und produziert nichts anderes als Kosten.
Doch anders als bei der .COM-Blase wird es diesmal an den Finanzmärkten viel härter kommen, denn wir werden mit einer zweiten Knall zu leben haben, nämlich mit einem starken Einbruch der Volkschinesischen Wirtschaft zu kämpfen haben, eventuell verbunden mit einer Rezession in den USA.