Werbe-Widgets:
Google hatte auch schon mal bessere Ideen
Die Internet-Branche ist eine modegetriebene Welt: Letzten Monat wurde man hier in den USA von jedem VC noch gefragt “What’s your Facebook strategy?” Diesen Monat ist die Frage “What’s your widget strategy?”
Widgets (oft auch Gadgets genannt) sind diese lustigen kleinen Funktionalitätsmodule, die man sich zu personalisierten Homepages hinzufügen kann, z.B. auf MySpace, iGoogle, Facebook usw. Nix dagegen. Aber inzwischen denken viele Leute, dass man daraus ein grosses Geschäft machen kann. Es gibt schon eine respektable Anzahl an Startups, die sich ausschliesslich mit der Produktion von Widgets beschäftigen.
Und jetzt macht das auch noch Google. Heute hat der Suchmaschinengigant das neue Programm “Google Gadget Ads” vorgestellt. Selbiges ermöglicht es Werbetreibenden, auf Googles Plattform solche Widgets/Gadgets anzubieten, die eine Werbebotschaft transportieren. Die User, so die Hoffnung, sollen mit diesen Dingern nicht nur interagieren, sondern sie bitte sogar zu ihrer jeweiligen persoenlichen Homepage/MySpace-Seite hinzufügen und so subtil mehrmals täglich der zu kommunizierenden Werbebotschaft ausgesetzt werden.
Schauen wir uns mal ein paar Beispiele in Googles Gadget-Galerie an. Da gibt es zum Beispiel ein Gadget zum neuen Film mit Angelina Jolie. Mag ja nett sein für Fans, aber wen interessiert das sonst? Intel bietet uns ein kleines Spiel, bei dem man mit einem Notebook-Symbol irgendwelche herunterfallenden Icons fangen muss. Das ist ohne Übertreibung die schlechteste Version von “Breakout”, die ich je gespielt habe. Und Pepsi macht es sich ganz einfach und spielt im Widget irgendeinen Werbefilm ab.
Mein Lieblingsbeispiel: Nissan bietet ein Widget, das die aktuelle Verkehrslage anzeigt:
Scheint ja noch nützlich zu sein. Aber, was ist das? Diese Funktionalität gibt es bereits als werbefreies Widget von Google selbst:
Die Darstellung ist nicht nur deutlich besser, man muss sich auch nicht mit der Werbebotschaft herumschlagen, die sich bei jedem Klick aufdringlich aufpoppt.
Es bleibt angesichts dieser Beispiele wirklich ein Rätsel, welchen Anreiz User haben sollten, ihre Homepages mit solchem Zeug zuzukleistern? Die meisten Leute, die ich kenne, hätten gern weniger Werbung, nicht mehr. Klar, es mag Ausnahmen geben. Das Demo-Widget von Honda konzentriert sich auf die Band “Fall Out Boy”, deren neuste Tour vom Autokonzern gesponsert wird. Die Autowerbung ist klar Nebensache. Das mag funktionieren, aber wohl nur mit einer äusserst überschaubaren Zielgruppe.
Diese Widgets funktionieren im Moment wohl am ehesten noch als interaktive Bannerwerbung. Auftraggeber zahlen normale, kommerzielle Content-Sites dafür, dass sie solche Gadgets einbinden, und im besten Fall erreicht man damit etwas mehr Aufmerksamkeit als bei den üblichen Bannern. Aber auch da sind die wenigen publizierten Zahlen eher ernüchternd: Eine Interaktionsrate von 0.3% ist zwar etwa doppelt so hoch wie die normale Click-Through-Rate bei grossen Bannern, aber das ist nicht gerade ein riesiger Quantensprung.
Die Begeisterung für Widgets in manchen Kreisen ist darum so gross, weil laut neusten Zahlen von comScore im April 2007 angeblich 177 Mio. User ein Widget irgendwelcher Art gesehen (nicht benutzt, nicht selbst eingebaut, nur gesehen) haben. Angesichts der unzähligen Video-, Musik- und Photo-Objekte auf MySpace und Co., die dabei alle mitgezählt wurden, ist das wohl auch kaum weiter verwunderlich. Aber der Weg von lustigen Videos zu kommerziell verwertbaren Werbe-Widgets dürfte ziemlich weit sein.
Prognose: Widgets als Werbeform werden keine grosse Zukunft haben. Zumindest nicht, so lange die Werbeauftraggeber sich nicht erheblich bessere Dinge ausdenken.
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