Warum es der Musikbranche schlecht geht
Bekanntlich geht es den Plattenfirmen (oder wie immer man diese Unternehmen heutzutage nennt) ziemlich schlecht. Die CD-Verkäufe gehen weiterhin massiv zurück, und die zukünftig wichtigsten Online-Vertriebskanäle sind fest in der Hand von Apple und vielen, vielen Raubkopierern. Und weiterhin hat man nicht den Eindruck, dass die Branche eine klare Vorstellung davon hat, wie sie ihre Zukunft gestalten will.
Da fragt man sich natürlich schon, wie es so weit kommen konnte. Ein paar interessante Einblicke gibt ein Artikel im neuen Wired. Doug Morris, CEO des grössten weltgrössten Musikkonzerns Universal Music Group, gibt darin Einblicke in sein Denken (Morris ist die Person rechts im Bild. Das links ist eine Angestellte der Konkurrenz). Um es vorwegzunehmen: Er bringt dem digitalen Zeitalter nicht viel Sympathie entgegen.
Morris scheint irgendwie nicht der Typ zu sein, der besonders langfristig denkt. Er optimiert seine Geschäftspolitik darauf, kurzfristig möglichst viel Geld für die Musikrechte seiner Firma einzuheimsen. Langfristige Strategien scheinen ihm nicht besonders wichtig zu sein. Könnte das daran liegen, dass der gute Mann schon 68 ist und es ihm daher ziemlich egal sein kann, was seine Firma in 10 Jahren macht? Aber der Bonus des nächsten Geschäftsjahres, das interessiert ihn natürlich schon.
Morris’ Firma verklagt darum fröhlich Youtube, Myspace und auch sonst jeden, der Musik aus dem Univeral-Katalog publiziert, ohne der Firma was zu zahlen. Ausserdem hat Morris sogar Microsoft davon überzeugen können, doch bitte pro verkauftem Zune MP3-Player gleich mal einen Dollar an Universal zu schicken. Dem Markterfolg des Zune hat das auch nicht geholfen. Um Erzfeind Apple zu ärgern, verkauft Universal seine DRM-freien MP3s nur über Amazon und andere Apple-Konkurrenten. Und kürzlich kündigte Universal auch noch seinen Vertriebsvertrag mit Apple, um Steve Jobs zu besseren Konditionen zu zwingen.
Währenddessen träumen Morris und seine Kollegen wehmütig von den guten alten Zeiten, als man mit CDs noch richtig fette Gewinne machen konnte. Ganz offenbar war Universal nach einem gemütlichen Vierteljahrhundert dicker Margen nicht vorbereitet auf den plötzlichen technologischen Wandel durch das Internet:
“This business had been the same for 25 years. The hardest thing was to get something that somebody wanted to buy — to make a product that anybody liked.”
Aber plötzlich änderte sich alles. Und ganz offensichtlich waren die Plattenfirmen mit der neuen Technologie heillos überfordert. Dazu Morris:
“There’s no one in the record company that’s a technologist. That’s a misconception writers make all the time, that the record industry missed this. They didn’t. They just didn’t know what to do. It’s like if you were suddenly asked to operate on your dog to remove his kidney. What would you do? [...]
We didn’t know who to hire. I wouldn’t be able to recognize a good technology person — anyone with a good bullshit story would have gotten past me.”
Das ist zwar traurig, aber wenigstens ehrlich. Einer der Leute, die mit einer Bullshit-Story Morris zu einem Deal überreden konnten, war übrigens kein anderer als Steve Jobs. Nachdem Universal dem Musikvertrieb über iTunes zugestimmt hatte, konnte Apple auch den Rest der Musikbranche für sich gewinnen. Und der Rest ist Geschichte: Dieses Jahr wird bereits 22% aller Musik in den USA über iTunes verkauft werden.
Vielleicht wäre das dann mal ein guter Anlass, um bei der einen oder anderen Plattenfirma das Management auszuwechseln?
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6 Kommentare zu diesem Artikel
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bluejax
Erinnert mich sehr an die Dinge, die Tim Renner in “Kinder der Tod…” umschrieben hat. Wäre er nicht ein Kandidat für Doug Morris? Klar, wird niemals soweit kommen, aber er hat zumindest was Morris (meiner Meinung nach) nicht hat: Weitblick!
Blaubär
Der neue Onlineshop der Deutschen Grammophon (http://www.dgwebshop.com) passt nahtlos zum digitalen Universal-Debakel: Völlig überteuert (insbesondere die Preise in EUR), Ergonomie nahe am Nullpunkt, kein Lossless-Format (nur MP3) und fehlende Informationen bei vielen Angeboten (obwohl in der Klassik äusserst wichtig ist, dass man weiss, wer wann wo mit wem usw. gespielt hat).
mds
Ist eine Besprechung dieser neuen Website vorgesehen? Ich würde mich freuen, allenfalls auch bei neuerdings.com … :D
David
Wirklich traurig, wie es sich ein Riesenunternehmen wie Universal erlauben kann, so strategisch am Markt vorbei zu planen.
Dass es unternehmensintern keine guten Ideen gibt, kann ich mir aber kaum vorstellen. Vielleicht fehlt nur jemand, der mal richtig auf den Tisch haut und den alten Herren erklärt wo ihr Unternehmen in den nächsten Jahren steht, wenn nichts passiert.
Andreas Göldi
@mds: Nein, bisher ist nichts dazu geplant. So schnell, wie diese Plattenfirmen-Sites kommen und gehen, kommt man kaum mit dem Testen nach :-)
Broker
soziales netzwerk, bald wird vieles kostenlos werden :) und einige müssen sich einen neuen job suchen…