Web 2.0-Office-Suiten:
Noch kaum genutzt

Andreas Göldi, 18. Dezember 2007 22:16 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Wenn man manchen Analysten glauben darf, steht Microsoft praktisch kurz vor der Pleite. Schuld ist — natürlich — Google, insbesondere die Applikationssuite des Suchmaschinenriesen. Google Docs mit seinen rein webbasierten Textverarbeitungs- und Tabellenkalulationsprogrammen ist nämlich eine disruptive Gefahr für die marktführende und extrem profitable Office-Suite von Microsoft, sagen die Experten. Google ist für Microsoft quasi das, was vor 20 Jahren Microsoft selber für IBM war: Eine existentielle Bedrohung durch neue Technologie.

Diese Botschaft ist aber offenbar noch nicht beim Durchschnittsbenutzer angekommen. Einer neuen Umfrage des Marktforschers NPD zufolge haben immerhin schon mehr als ein Viertel der amerikanischen PC-User schon mal gehört, dass es webbasierte Office-Programme gibt, aber nur ein kleiner Teil, nämlich keine 5%, benutzt diese Angebote regelmässig oder gelegentlich.

com/wp-content/uploads/npdwebbased-1.jpg” height=”325″ width=”430″ border=”1″ hspace=”4″ vspace=”4″ alt=”Npdwebbased-1″ />

Diese Quoten dürften Steve Ballmer und Kollegen sicher noch keine schlaflosen Nächte bereiten.

Die gute Nachricht für Google und andere Anbieter solcher Web-Suiten ist immerhin, dass Disruptionen immer klein anfangen. Beim PC hat man auch mal gedacht, dass er nie im Leben den Grossrechnern von IBM gefährlich werden könnte.

Wer aber genauer in die Technologiegeschichte eintaucht, sieht schnell, dass webbasierte Office-Suiten kaum den gleichen disruptiven Effekt haben dürften wie damals der PC. Und das aus zwei Gründen:

Erstens treten die erfolgreichsten disruptiven Technologien nicht gegen einen etablierten Konkurrenten an, sondern gegen “Nichtbenutzung”. Vor dem PC konnten sich nur grosse Firmen überhaupt einen Computer leisten, für Konsumenten was so etwas unerschwinglich. Mit dem PC wurde also eine ganze Produktkategorie erstmals für eine viel breitere Zielgruppe nutzbar. Bei Office-Programmen ist das eindeutig nicht so. Es gibt wohl kaum einen User, der nicht MS Office, OpenOffice oder Apples iWork-Suite benutzt und damit schon jetzt über eine sehr brauchbare Lösung verfügt.

Zweitens müssen disruptive Technologien erheblich billiger sein als die existierenden Lösungen. Auch da wird es schwierig: Mit OpenOffice gibt es bereits eine kostenlose, sehr leistungsfähige Office-Suite. Und die Realität ist, dass die meisten Leute gar nicht selbst für Microsoft Office zahlen. Nein, ich meine nicht Raubkopierer, sondern all diejenigen, die einen PC samt Office-Lizenz von ihrem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt bekommen. Für Firmen sind die Office-Lizenzen natürlich durchaus ein Kostenfaktor, aber vergleichsweise kein riesiger. Und diese Kosten sind für die meisten Unternehmen immer noch tragbarer als die Vorstellung, einfach alle Dokumente Google anzuvertrauen.

Kein Wunder, dass Google Docs bisher die meisten Fans unter Studenten und Freelancern gewonnen hat. Die müssen für Software nämlich wirklich noch zahlen und sind ausserdem oft in der Lage, von verschiedenen Maschinen aus auf Dokumente zugreifen zu müssen.

Vermutlich werden webbasierte Office-Suiten in den nächsten Jahren weiterhin ein Dasein als Nischenprodukt und Ergänzung zu klassischer Software fristen. Die interessante Frage ist natürlich, ob Microsoft in dieser Zeit selber in diesen Bereich eindringen kann, denn zumindest hat man das in Redmond mit dem neuen Produkt “Office Live Workspace” eindeutig vor.

Google wird sich da einiges einfallen lassen müssen, um seine derzeitige Position im Applikationsbereich ausbauen zu können. Sicher ist die Kombination mit Gmail, Google Calendar und den übrigen Google-Applikationen attraktiv, aber der Kostenvorteil gegenüber etablierten Desktop-Applikationen ist vermutlich noch nicht gross genug, um die deutlichen Nachteile bei der Funktionalität wettzumachen.

» Weitere Analysen lesen.

» Nächster Artikel: Facebook sucht zusätzliche Erlösquelle im E-Commerce
» Älterer Artikel: Badoo reagiert und korrigiert AGB

» Drucken
» Merken/E-Mail

6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. n

    schrieb am 19. Dezember 2007 um 11:52 Uhr (#)

    Interessanter Artikel. Ich finde 5% eigentlich erstaunlich hoch, wenn man bedenkt wie neu zB Google Docs ist. Ich denke die Vorteile von Google Docs sind vor allem die Kollaborationsfeatures, die zunehmend wichtiger werden fuer das taegliche Geschaeft. Komplexe Funktionalitaet wird zwar weiterhin gebraucht, aber ist immer weniger zentral. Lassen wir uns ueberraschen, spannend ist die Entwicklung allemal.

  2. Patrik

    schrieb am 19. Dezember 2007 um 13:04 Uhr (#)

    Steve Gillmore verkündete im Sommer ‘06, Office seit tot: http://gesturelab.com/?p=19
    Vielleicht etwas verfrüht. Aber als szenische Darstellung der Situation find ich den Abschnitt unschlagbar:
    “Remember Saigon, when everybody started running for the helicopters. Imagine IT guys sitting there, one eye on the helicopters, the other on their management console. Imagine that our guy notices his assistant furtively gathering up his pictures of the family, checking his Blackberry for Gmail under the table, knowing way too much about blogosphere crap, ccing his Gmail account to “take the work home with him,” reading documents via HTML, suddenly announcing his wife has updated his calendar about an important Little League game he has to attend, and then, leaving for a job building EC2/S3 apps. Elvis, or in this case the new institutional memory, has left the building.”
    Sinngemäss Ähnliches lässt sich heute sicher da und dort beobachten. Geben wir GoogleDocs nochmals 18 Monate. Dann wird wohl erkennbar sein, ob Göldi oder Gillmore recht hat ;-)

  3. Andreas Göldi

    schrieb am 19. Dezember 2007 um 18:21 Uhr (#)

    @ Patrik: Na ja, Gmail und Google Calendar sind auch nochmal deutlich
    was anderes als Google Docs. Ich benutze diese beiden Applikationen selbst intensiv und finde, dass sie eine klare Verbesserung gegenueber anderen Formen von E-Mail und Kalendern darstellen (mit gewissen Schwaechen noch, z.B. beim Adressmanagement).

    Ich habe mir einige Zeit auch redliche Muehe gegeben, stark mit Google Docs und Spreadsheet zu arbeiten. Aber bis auf einfachste Dokumente ist das kaum sinnvoll moeglich. Schon bei ein paar Bildern im Textdokument erreicht Docs schnell die Nervgrenze.

  4. Bätschman

    schrieb am 19. Dezember 2007 um 19:23 Uhr (#)

    Ich habe mich mit diesem Thema auch mal etwas beschäftigt (http://baetschman.uttx.net/?p=254) und bin dann aber auf USB Programmen - sprich Portable Apps - gewechselt. Ich finde, dass diese alles bieten (vollwertige Programme), aber dabei nicht unbedingt mit dem Internet verbunden sein müssen. Und da diese Programme jetzt ohne Profiwissen installiert werden können, kann auch jeder 08/15 Anwender auf dem Gebiet einsteigen. Nachteile wären zum einen der Verlust des USB Datenträger, was bei sensiblen Daten zu grossen Problemen führen kann, und die eventuell eingebaute Sperre des Firmen- oder I-Café-PCs was das Ausführen von EXE-Dateien auf externen Laufwerken betrifft. Aber zumindest bieten diese Programme die Möglichkeit auch ohne Internetzugriff in kompletten Umfang arbeiten zu können.

    Mit freundlichen Grüssen

  5. Patrick C. Price

    schrieb am 13. Januar 2008 um 04:47 Uhr (#)

    Ein Google-Produkt das bislang nicht genannt wurde, war Google Gadgets, das die Synchronisation von Google Reader und anderen Google Produkten auf den lokalen Desktop erlaubt.

    Wenn Google dieses Jahr die “Google web-based personal harddisk” (Gdrive?) lanciert, und Google Gadgets auch auf das von Google gesponsorte OpenOffice ausweitet, könnte das ganze ziemlich an Drive gewinnen.

  6. T. Thomas

    schrieb am 13. Januar 2008 um 15:14 Uhr (#)

    Ich freue mich auf mehr Speicher im Netz!

    Ich bin bis jetzt bei Amazon S3. Gut, aber es kann noch besser werden, billig und schneller. Dazu muss natürlich auch der Upstream wachsen.

    OpenOffice halte ich nicht für zukunftsträchtig. Aus dem gleichen Grund wie Microsoft Office. Das ist einfach, denn OpenOffice ist ein Microsoft Office-Klon, im Guten wie im Schlechten.


Einen Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.