10 Vorhersagen für 2008
Der Jahreswechsel ist ja immer die Zeit für Rückblicke und Ausblicke. Und das kann man natürlich auch für das Thema Medienkonvergenz machen. Da ich Rückblicke für weniger interessant halte, sind hier meine 10 Prognosen für das neue Jahr, natürlich komplett unwissenschaftlich, ausschliesslich subjektiv und frei erfunden. Die erste Hälfte ist eher negativer Natur, die zweite Hälfte positiv.
1. Online-Werbung wächst weiter, aber vor allem in den USA in deutlich langsamerem Tempo
Dass wir eine fundamentale Bewegung von Werbegeldern weg von klassischen Medien rein ins Internet erleben, ist klar, und daran ändert auch die wohl anstehende Konjunkturabkühlung wenig. Aber das horrende Wachstumstempo der letzten drei Jahre wird 2008 nicht gehalten werden können. Das ist nicht sehr tragisch, und es ist längst keine echte Krise, aber diese Abkühlung wird für die Online-Branche doch spürbar werden.
2. So mancher Web-2.0-Businessplan stellt sich endgültig als Phantasie heraus. Die Pleite-Quote steigt, der Kapitalstrom wird dünner.
Das Ende der Web-2.0-Welle wurde von vielen schon für letztes Jahr vorhergesagt, aber ist offensichtlich nicht eingetreten. Da wir 2007 aber neue Höhen der Bubble-Inflation erreicht haben (man denke nur an Facebooks erstaunlich-lächerliche $15-Mia.-Bewertung), ist der Markt sehr nervös geworden. Und wenn sich 2008 die Online-Werbung abkühlt, wird diese kleine Flaute so manchen rein auf Werbung gebauten Businessplan in die Tiefe reissen.
Die Investoren werden darauf reagieren, VCs werden kaum noch in reine Web-2.0-Plays investieren. Und die Liste der Startups, die die Segel streichen müssen, wird ziemlich lang werden. Aber eine Bereinigung tut der Sache langfristig nur gut.
3. Google erlebt erstmals etwas härtere Zeiten und muss –gasp– Kosten sparen
Drei Fakten über Google: Erstens: Mehr als 50% der 16′000 Angestellten arbeitet seit weniger als einem Jahr dort (und ein grosser Teil der höchst innovativen Pionier-Mitarbeiter ist längst weitergezogen). Zweitens: Der Konzern verdient sein Geld immer noch fast ausschliesslich mit Online-Werbung, alle anderen Produktlinien werfen fast kein Geld ab — das macht verwundbar. Drittens: Der Finanzmarkt erwartet immer neue Wunder von der Suchmaschine, um die exorbitante Börsenbewertung rechtfertigen zu können.
Die Kombination dieser drei Faktoren wird Google 2008 in Schwierigkeiten bringen. Natürlich ist Googles Position bei der Web-Suche viel zu dominant, als dass die Firma in echte existentielle Nöte kommen könnte. Aber ein Rückgang des Umsatzwachstums und darauf folgend ein Kurssturz der Google-Aktie ist sehr wahrscheinlich, und das wird erstmals zu Kostensenkungsmassnahmen führen, vielleicht zu Entlassungen. Und damit wird sich Googles Kultur auch mittelfristig stark ändern.
4. Die Social-Networking-Bubble platzt, mindestens einer der grossen Player kommt in ernste Schwierigkeiten
Social Networking ist für Web-Anwendungen das, was Skype für Telekommunikation ist: Eine tolle Idee, die viele User anzieht, aber nur wenig Geld abwirft. Klar werden MySpace und Facebook auch 2008 unter den global populärsten Websites bleiben und viel Traffic anziehen, aber die Begeisterung bei den Usern wird sich durch Datenschutzskandale, Profilspam und schlichte Langeweile erheblich abkühlen.
Und irgendwann nächstes Jahr wird auch erkannt werden, dass man mit diesen vielbesuchten Sites doch nicht genug verdient, um die exorbitanten Bewertungen auch nur annäherend zu rechtfertigen. Das wird die Investoren sehr, sehr nervös machen und zu personellen und anderen Folgen führen. Kann gut sein, dass Facebook-Jungstar Mark Zuckerberg bis Ende des Jahres arbeitslos wird.
5. Traditionelle Medienkonzerne gehören auch 2008 zu den grossen Verlieren, und zwar schlimmer denn je
Sorry, aber weder die Musik-, noch die Film-, noch die Zeitungs-, noch die Fernsehbranche haben 2007 irgendeinen Hinweis darauf gegeben, dass sie digitale Medien verstehen und eine brauchbare Strategie für den Umgang mit diesem Phänomen haben. Wenn sich 2008 die Werbekonjunktur abkühlt (zunächst noch etwas gepolstert durch die Sommerolympiade), wird es für so manchen konventionellen Medienkonzern richtig hart. Ein paar grosse Übernahmen im Stil “Murdoch kauft Wall Street Journal” dürfen wir darum auch 2008 erwarten, besonders in der Musikbranche. Zwar fechten viele noch tapfer Rückzugsgefechte gegen Google, Apple und die anderen Schwergewichte des digitalen Zeitalters, aber das wird den Niedergang nur wenig verlangsamen.
Andererseits: Disruptionsprozesse, wie wir sie hier gerade erleben, spielen sich über Jahrzehnte hinweg ab, nicht über wenige Jahre. Auch 2008 wird darum die digitale Welt umsatzmässig immer noch viel, viel kleiner bleiben als die klassischen Medien. Aber die Trends sind klar und beschleunigen sich weiter.
6. Wikipedia wird eine starke neue Innovation auf den Markt bringen, die sehr erfolgreich startet.
Ob das eine Social Search Engine wird, ein eigenes Social Network oder etwas ganz anderes bleibt abzuwarten. Aber Wikipedia hat inzwischen eine so starke Marke und (trotz allerlei interner Konflikte) starke Gruppe von ehrenamtlichen Mitstreitern, dass es nicht allzuschwer sein dürfte, daraus mehr zu machen. Und Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat ganz offensichtlich ehrgeizige Pläne.
7. Die Mobilfunkbranche erlebt ihr kreativstes Jahr seit Einführung von GSM
Die Sterne stehen gut: Mit dem iPhone hat Apple ein Gerät auf den Markt gebracht, das das Userverhalten offensichtlich wirklich verändert, und 2008 wird eine neue Generation des iPhone erscheinen. Google drängt mit Macht in den Mobilfunkbereich. Die Innovationsmaschinen bei RIM (Blackberry), Nokia, HTC, Microsoft und anderen laufen auf Hochtouren. In den USA wird Bandbreite versteigert, die möglicherweise an jemanden ausserhalb der üblichen Operator-Community gehen wird. Die Operators müssen mit neuen Preismodellen reagieren. Und überall auf der Welt gibt es starke Tendenzen weg von “dummen” Telefonen hin zu Smartphones.
Darum werden wir 2008 viele sehr interessante neue Mobilfunkgeräte und -dienstleistungen sehen. Und mobiles Browsen wird erstmals wirklich mehrheitsfähig. Alle grossen Internet-Anbieter werden neue, reichhaltige Dienste anbieten, die auf die neue Generation von Smartphones optimiert ist. Die Gewinner werden primär Google, Apple und RIM sein.
8. Das Microsoft-Monopol bröckelt, alternative PC-Plattformen werden wirklich Mainstream-fähig
Der Mac gewinnt fleissig Marktanteile, Linux wird immer einfacher, immer mehr Applikationen wandern aufs Web, und für eine Handvoll Dollar kriegt man von Asus und anderen schon einen voll funktionsfähigen Linux-Laptop mit einem Funktionsumfang, der sehr, sehr viele User zufriedenstellen dürfte. Ganz klar: Windows ist längst nicht mehr die einzige brauchbare Computerplattform, weder für Heim- noch für Business-User. Im Gegenteil: Wer sich ein bisschen breiter umschaut, findet für die meisten Bedürfnisse ausserhalb des Microsoft-Einerleis längst bessere, preiswertere und benutzerfreundlichere Varianten.
Dieser Trend wird sich 2008 beschleunigen. Im letzten Quartal des Jahres wird Apple vermutlich einen Marktanteil von deutlich mehr als 10% der neu verkauften Computer haben. Linux erlebt auch auf dem Desktop einen neuen Frühling, und mindestens eine grosse, globale Firma wird bekanntgeben, dass die internen Computer komplett auf Linux migriert werden. Microsoft wird darauf mit reichlich Panik reagieren und vom Finanzmarkt abgestraft. Kann gut sein, dass es auch an der Spitze des Konzerns zu grösseren Änderungen kommt.
9. Social Networking wird vielfältiger, und Microblogging wird der neue Trend
Am Mitteilungs- und Vernetzungsbedürfnis der User wird sich auch 2008 nichts ändern. Aber nach dem xten Friend-Request von Unbekannten und dem yten geworfenen Facebook-Schaf werden geschlossene Systeme langweilig. Darum werden Googles Open Social und andere offenere Strukturen (vielleicht von Wikipedia?) zu massiven Veränderungen im Social-Networking-Umfeld führen.
Grosse Gewinner werden Microblogging-Dienste wie Tumblr, Twitter oder Kaywa sein, besonders diejenigen, die eine einfache Nutzbarkeit über Mobilgeräte bieten. Denn die User werden entdecken, dass es bei Social Networking um das Soziale geht und nicht um gekünstelten Retorten-Spass mit Facebook-Vampiren. Sich seinen Freunden mitzuteilen ist darum allemal interessanter als das Ausprobieren neuer Widgets.
Die grossen Anbieter von Webmail (Yahoo, Gmail, Microsoft) entdecken endlich, dass sie auf einer Goldmine sozialer Information sitzen und bieten Networking-Features an, die auf Adressbüchern der E-Mail-User aufbauen. Stabil bleiben die Business-Netzwerke wie LinkedIn, XING oder Plaxo, auch wenn sie aufgrund von Businessmodell-Schwierigkeiten ihre Ambitionen etwas zurückfahren müssen.
10. Die Startup-Szene verlagert sich wieder mehr auf “echte” Technologie, Europa wird stärker
Web 2.0 ist lustig, weil jeder mit einer billigen Linux-Box und ein bisschen PHP-Programmierkenntnissen seine eigene Website aufmachen kann. Aber offensichtlich hat das nicht nur zu wertvollen Firmengründungen geführt, sondern auch zu sehr viel Schrott.
2008 wird darum wieder mehr im Zeichen echter technologischer Innovationen stehen, die grösseren Nutzen schaffen die xte Community für Nischen-Zielgruppen oder nochmal eine Me-too-Videoplattform. Bessere Informationsfilterung, neuartige Userinterfaces, innovative Kommunikationsdienste (vor allem mobile) und spannende neue Gadgets sind einige der möglichen Themen. Aber das sind alles schwierige technische Herausforderungen, und die Zahl der Neugründungen wird darum sinken. Unter dem Strich schadet das aber nicht.
Für Europa ist das im Prinzip eine gute Nachricht, denn die “alte Welt” war schon immer stärker bei Grundlagentechnologien als bei bubbligen Medienkonzepten. Da sich die Konjunktur in den USA wohl deutlich stärker abkühlen wird als in Europa, ist das eine weitere gute Chance für die europäische Gründerszene, sich international zu profilieren.
Nun, in zwölf Monaten werden wir sehen, was aus diesen Prognosen geworden ist. Eine Trefferquote von mehr als 50% würde mich ehrlich gesagt auch überraschen. Aber wer weiss…
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7 Kommentare zu diesem Artikel
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frank
Hauptsache Deutschland wird Europameister… Oder?
ben_
Erbsenzählerei: sollte im Titel von 6. nicht eher “Wikimedia” heißen?
Ansonsten: Danke, danke, danke für das letzte Jahr und jetzt auch schon für diesen wiederum großartigen Artikel. Ich weiß nicht, wie Du’s machst, aber alles hier klingt immer so unglaublich richtig, einleuchtend, selbstverständlich und doch zugleich neu und innovativ. Danke.
Franz Robert
Noch besser: Wikimedia Foundation.
Andreas Göldi kennt die Wikimedia Foundation nicht gut. Wikipedia kommt gerade so über die Runden. Es fehlt an Geld, es fehlt an Entwicklern, es fehlt am Backoffice.
Wikia (Wiki-Hosting) hält sich ebenfalls gerade so.
Ja, Jimbo Wales hat Ambitionen, aber sein Geld aus dem Porno-Geschäft ist aufgebraucht, er ist ein mieser Organisator und notorisch unzuverlässig.
Da mag noch so einiges aus seiner Ecke kommen. Erfolg wird es aber nur haben, wenn sich andere darum kümmern. So wie bei Wikipedia.
shuron
Ich glaube nict das es für Google härtere Zeiten einbrechen. Ich würde eher sagen es werden immmer mehr Menschen von der der Socialolism
befalen :)
ben_
Nummer 6 ist schon eingetreten. Wenn das in der Geschwindigkeit weitergeht, brauchen wir Ende Februar neue Vorhersagen.
Markus Hübner
Die vor ein paar Tagen mit großen Erwartungen gestartete Wikia Search ( http://search.wikia.com )hat leider sehr entäuscht.
T. Thomas
Nummer 6 ist noch nicht eingetreten. Einfach ein Projekt mehr.
Dabei wird übersehen: Bei Google machen die Benutzer schon längst mit, aber automatisch. Google wertet aus, was geklickt wird. So findet man viel besser heraus, was gefragt ist.
Wie bei Wikipedia ist bei Wikia dumme Handarbeit gefragt. Das funktioniert bei Wikipedia schon mehr schlecht als recht. Die Artikel werden halbwegs gepflegt. Die Administration ist harte Arbeit und wird vernachlässigt, weil viel zu viel Handarbeit nötig ist.
Jimbo Wales kommt aus der Pornobranche. Und so arbeitet er weiterhin. Damit ist kein Staat zu machen.