Yahoo-Angebot:
Microsoft wirft sich mit Macht hinter den fahrenden Zug
Über alle Newskanäle schwirrt die Nachricht: Microsoft will Yahoo kaufen. Zwar hat sich Yahoo zu diesem feindlichen (oder zumindest nicht explizit angeforderten) Angebot noch nicht geäussert, aber angesichts eines Preises, der satte 62% über dem aktuellen Börsenwert von Yahoo liegt, müsste das Management des notleidenden Portals schon absolut exzellente Gründe für eine Ablehnung haben. Ausserdem gab es ähnliche Übernahmegerüchte schon länger, und man kann davon ausgehen, dass sich die beiden Firmen auf Führungseben zumindest nicht spinnefeind sind.
Microsoft würde für den Deal tief in die Tasche greifen: Die Hälfte der $44 Mia. des Kaufpreises würden mit Microsoft-Aktien, der Rest in Cash bezahlt. Diese $22 Mia. entsprechen immerhin fast dem gesamten Betrag, den Microsoft noch in Bargeld auf seinem Sparheft liegen hat. Es ist also ein echter “Bet the Farm”-Deal, wie die Amis so schön sagen.
Nur: Macht der Deal auch Sinn?
Microsoft würde damit mit einem Handstreich zur derzeit weitaus grössten Internetfirma auf der Welt werden.
Auch wenn man sich in hippen Web-2.0-Kreisen kaum noch an Yahoo erinnern kann, ist das Portal in Bezug auf die Nutzerzahlen immer noch einer der Top-3-Player weltweit. Zusammen mit MSNs sogar noch etwas grösseren Nutzerzahlen würde dieser Merger zu einem echten Web-Giganten führen, mit deutlich mehr Usern als Google.
Yahoo hat in den letzten Jahren auch ein paar gute Akquisitionen von starken Web-2.0-Startups gemacht (Del.icio.us, Flickr, Zimbra), was Microsoft vielleicht etwas von dem dringend nötigen Coolheitsfaktor wiedergeben würde, der spätestens seit Vista verlorgengegangen ist. Microsoft bringt immerhin seine teuer bezahlte Beteiligung an Facebook in die Ehe ein.
Natürlich, wie angeblich immer bei Fusionen, würde es auch diverse Kostensynergien geben. Und diesmal wird Microsoft hoffentlich (wie damals bei Hotmail) nicht darauf bestehen, dass Yahoos Codebasis auf Microsoft-Technologie portiert wird, die Synergien dürften also klar positiver Natur sein.
Nur, natürlich gibt es auch diverse Fragezeichen:
In der essentiell wichtigen Disziplin Web-Suche wäre ein kombiniertes Micro-Hoo auch nach der Fusion immer noch abgeschlagener Zweiter nach Google mit weniger als der Hälfte des Marktanteils. Das gleiche gilt auch für die lukrative Pay-per-Click-Werbung. Microsoft wird also deutlicher Marktführer, nur leider in einem Bereich, der nicht mehr besonders interessant ist. Auch in sonstigen Zukunftsthemen — Video, Social Networking, Mobile Content, Online-Applikationen — haben beide nicht besonders viel zu bieten.
Es wird sich die heikle Frage nach der Branding-Strategie stellen: Wird die schon etwas angestaubte Marke Yahoo überleben und zum Sammelgefäss für Microsofts Internet-Aktivitäten? Oder setzt sich wieder mal Microsofts berüchtigte Branding-Abteilung durch und nennt das kombinierte Produkt dann “Microsoft Yahoo Ultimate Live Network Home Premium”? So oder so haben beide Firmen keine Marken, die in der Beliebtheit (nicht Bekanntheit) mit der von Google vergleichbar ist.
Und vor allem: Sowohl Microsoft als auch Yahoo sind in den letzten Jahren durch eine verwirrende, inkonsistente Produktstrategie aufgefallen, mit beiderseits zahlreichen nur halb durchdachten Aktivitätsfeldern. Wenn man zweimal Chaos kombiniert, entsteht dann Ordnung? Yahoos Management hat in letzter Zeit nicht gerade den Eindruck grosser Durchgriffsstärke erweckt, und bei Microsofts Online-Aktivitäten ist das genauso. Wer kann so einen riesigen Laden straffen und in eine erfolgreiche Zukunft führen?
Insgesamt: Ein Deal Microsoft plus Yahoo würde den König einer vergangenen Epoche (Web 1.0) mit dem König der noch davor liegenden Epoche (PC) kombinieren. Das kombinierte Königreich würde dann gegen den aktuellen Kaiser (Google) antreten, sofern zuerst die internen Regierungskrisen gelöst werden können. Darüber, ob dieser Plan gelingen kann, darf man ruhig skeptisch sein.
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2 Kommentare zu diesem Artikel
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blogwerk.com
mds
Für das passende Bild, siehe http://fakesteve.blogspot.com/2008/02/bam-borg-makes-yahoo-its-bitch.html … ;)
Cordula
Weder Microsoft noch Yahoo haben ein rasantes Online-Wachstum hinlegen können - da stimme ich dir zu. Nur glaube ich nicht, dass wenn SteveB so viel Geld in die Hand nimmt, es keinen sehr ausgefeilten Plan bei MS gibt, wie das Online-Business zukünftig aussehen soll. Das ist natürlich Spekulation, gebe ich zu.
Du hast gestern über die sich andeutende Konjunkturabschwächung geschrieben, die man an der Google-Aktie erkennen könne. Die Zahlen von MS deuten nicht auf eine solche Abschwächung hin, bzw. trotzen dieser. Vielleicht sind die Google-Zahlen ja einfach nur das Ergebnis fehlender Visionen und firmeninterner Fehler. Ich glaube, dass Google viele seiner Hausaufgaben nicht macht - im Gegensatz zu Microsoft und dass die Übernahme von Yahoo den Markt ordentlich verändern wird.