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Langzeitwette: Blogs wichtigere Newsquelle als New York Times

Von Andreas Göldi am 2. Februar 2008 um 15:12 Uhr Kommentare (6)
Kategorien: Analysen

Die “Long Now Foundation” ist eine Stiftung, die das langfristige Denken fördern will. Eins der Mittel dazu ist die Veranstaltung von Langzeitwetten zu allerlei interessanten Themen. Damit soll die Diskussion über Langfristprognosen für gesellschaftlich relevante Fragen angeregt werden.

Eine der ersten Langfristwetten wurde abgeschlossen von Oberblogger Dave Winer und Martin Nisenholtz, dem Online-Chef der renommierten New York Times. Gegenstand der Wette, die 2002 vereinbart wurde (lange, bevor die meisten Leute wussten, was ein Blog ist): Werden im Jahr 2007 bei einer Google-Suche nach den fünf wichtigsten News-Themen des Jahres Blogs oder die altehrwürdige New York Time die besseren Treffer bekommen? Mit anderen Worten: Sind Blogs oder die gute alte Zeitung die einflussreichere und häufiger zitierte Newsquelle?

Gestern kam die Stiftung zu ihrer Entscheidung, und die Gewinner sind: Die Blogs bzw.

Dave Winer. Der Gewinn von $2000 wird an einen wohltätigen Zweck überwiesen.

Die Jury hielt fest, dass die damalige Definition der Wette ziemlich ungenau war und dass deshalb eine Entscheidung nicht leicht fiel. Man konnte sich zwar noch darauf einigen, was die fünf wichtigsten News-Themen des Jahres in den USA waren (Amoklauf am Virginia Tech, Irak, Hypothekenkrise, Ölpreis, chinesische Exporte), aber schon bei der Definition, was ein Blog genau ist, wurde es schwierig: Zählt die allgegenwärtige Wikipedia auch als Blog? Was ist mit den eigenen Blogs, die die New York Times inzwischen betreibt? Und schliesslich: Wie genau bewertet man eigentlich Google-Treffer?

Darum rechnete die Jury gleich vier verschiedene Interpretationen durch, und in drei von vieren gewannen die Blogs. Bemerkenswert fand die Jury insbesondere, wie wichtig Wikipedia auch als Informationsquelle über aktuelle Ereignisse geworden ist und wie gut auch offizielle Regierungswebsites vertreten sind.

Wichtiger als die Frage, wer jetzt genau warum gewonnen hat, ist die dahintersteckende Erkenntnis: Die Grenze zwischen Mainstream-Medien, Blogs und anderen Informationsquellen hat sich schon fast ganz aufgelöst. Wer auf Google Informationen zu einem wichtigen Thema sucht, kriegt einen bunten Strauss von Quellen geliefert, vom professionellem Journalismus über die offizielle Verlautbarung bis hin zur mehr oder minder qualifizierten Amateurmeinung. Das ist, und damit hat Dave Winer sicher in der Essenz recht behalten, ein fundamentaler Schritt weg von der einstigen Dominanz der Mainstream-Medien. Denn wer heute schnell mal nach Infos zu einem bestimmten Thema sucht, tut das fast garantiert auf einer Internet-Suchmaschine.

Der Test funktioniert übrigens auch in anderen Ländern teilweise: Eine Suche nach “Bundesratswahl Blocher” auf Google Schweiz fördert unter den ersten 30 Treffern 14 Blogposts, 14 professionelle Newsmeldungen, einen Wikipedia-Artikel und eine Partei-Verlautbarung (komischerweise von der EVP Thurgau; die SVP muss wohl mal noch etwas Suchmaschinenoptimierung üben) hervor. Unentschieden. Weniger überzeugend das Thema “Krawalle Bern”: 22 Medientreffer (interessanterweise klar dominiert von Medien aus Deutschland, die sich offenbar sehr um die Verhältnisse in der Schweiz sorgen), 7 von Blogs, einer von einer Partei.

Im Vorteil sind die alten Medien scheinbar noch deutlich in Deutschland: Bei Google Deutschland bringt die Suche nach “Bahnstreik” aus 20 Treffern: 15 Profi-Newsquellen, zwei Blogs, drei offizielle Sites. Selbst das online-affine Thema “Bundestrojaner” erzeugt 11 Treffer auf Medien, einen auf ein Blog, sieben auf semioffizielle Aktivismuswebsites aller Art und einen auf Wikipedia. Und nicht mal Publikumsliebling “Eisbär Knut” kann die Vorherrschaft der alten Medien brechen: 12 Punkte für die Medienschaffenden, 4 für Blogs, drei für offizielle Sites und einen für Wikipedia. Wobei ich Knuts angebliches eigenes Blog, das vom RBB betrieben wird, mal auch zu den “richtigen” Medien gezählt habe. Man kann sich natürlich darüber streiten, in welche Kategorie Eisbären-generated Content gehört.

Aber es scheint klar zu sein: Der deutschsprachige Raum hat noch was aufzuholen, was die Abdeckung von Mainstream-Themen durch Blogs angeht.


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6 Kommentare

Werner Patels

In Kanada ist dieser Stand der Dinge bereits praktisch erreicht:

Laut einer Statistik, die ich vor gut über einem Jahr irgendwo sah, kommt Kanada in puncto “Blog Penetration” auf Platz Nummer eins. Anders ausgedrückt heißt das einfach nur, dass Kanada die meisten Anwender aufweist, die sich in zunehmendem Maße die Nachrichten von Blogs statt den traditionellen Medien holen. Der Wert lag bereits bei über 50 Prozent (und das war vor über einem Jahr in einem schnell wachsenden Marktsegment!) und war somit höher als in allen anderen Industriestaaten (G7-Länder).


XiongShui

“Der deutschsprachige Raum hat noch was aufzuholen, was die Abdeckung von Mainstream-Themen durch Blogs angeht.”

Der Meinung bin ich ganz und gar nicht. Warum sollten denn Blogs dem Mainstream hinterherlaufen. Es ist ja gerade die Chance der Blogs, die Mediengleichschaltung aufzubrechen und eine weitaus buntere Palette an Nachrichten und Meinungen zu bieten, als es die überall gleichen frisierten Agenturmeldungen tun.

Auch scheint mir die Methode, ein einzelnes Stichwort einzugeben, kein wirkliches Abbild der Situation darstellen zu können: Tatsächlich ist gerade das Thema Bundestrojaner in den Blogs mit einer Breite und Vehemenz diskutiert worden, die sich in den anderen Medien nicht finden lässt. Man denke nur an: “Schäuble! Wegtreten!”


Adrian

Naja, die dominierende News-Quelle allein mit dem Google-Search-Rank zu ermitteln scheint mir doch etwas simpel.

Für News geht der geneigte Leser doch üblicherweise erst mal zu seiner bevorzugten Quelle, z.B. Spiegel, NZZ, Blick, 20 Min (ob Papier oder Online), oder einen Aggregator wie Google, Yahoo, Bluewin..

Hintergrund Fakten (Wikipedia?) oder Meinungen (Blogs?) sind dann wieder ein anderes Thema, wobei ich persönlich eigentlich vorallem für ersteres eine Suchmaschine verwende.

Es gibt sicher jene User die sich nur durch ihre RSS Feeds über die Welt informieren, aber sind wir dann nicht wieder auf der Diskussione ob Glückspost und Talk-Radio überhaupt News und Informationskanäle sind?


Stephan

Es kommt auf die Information an! Ich habe für mich persönlich festgestellt, dass es ein bestimmtes Verhältnis gibt zwischen Blog und Newsportal, was die Informations- und Nachrichtenqualität betrifft. Dieses Verhältniss schwangt von Thema zu Thema.
So ist das Thema IT eindeutig in den Händen von Blogs. Also ich bestätige eine IT-Nachricht auf mehreren Newsportalen(Spiegel, Süddeutsche,…) mit weniger oder nur einen IT-Blog.

Lese ich hingegen etwas in mehreren Blogs zum Thema Politik oder Wirtschaft, lese ich das Thema ganz gerne in EINER Zeitung oder einen Newsportal nach, da ich annehme dort die bessere Informationsqualität zu diesem Thema vorzufinden.

Generell ist die reine Informationsaufnahme mittels Blogs einfach zu zeitaufwendig, denn meistens befindet man sich dort unmittelbar nach Aufruf einer Seite mitten im Diskurs.


Sebastian

Ich denke es wird noch einige Zeit dauern, bis die Blogs an die sachliche Qualität von Newsportalen herankommen. Eins ist klar: bestimmte Blogs sind schnell und können zu einem bestimmten Thema viele subjektive Informationen liefern.
Wenn es jedoch um rein informative Dinge geht fehlt noch Etwas.

Bestes Beispiel: nach der Landtagswahl in Hessen konnte man bis spätestens 9.00Uhr am darauffolgenden Montag in mindestens 60 Blogs Berichte über die ‘Wahlmanipulation’ und ‘Wahlbeobachtung’ lesen. Die harten Fakten waren jedoch nur auf Newsportalen zu finden, die sich widerum beim Thema ‘Wahlbeobachtung’ zurückhielten.


Jack

Die New York Times qualitativ zu übertreffen ist ja nicht schwierig. Da sind noch einige noch so einfache Blogs inhaltlich um Längen besser als diese “alterwührdige” Zeitung.


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