One Laptop per Child, kein Laptop per Kunde

Andreas Göldi, 5. Februar 2008 05:55 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

One Laptop Per ChildOne Laptop per Child” ist eine viel beachtete Initiative von MIT-Professor Nicholas Negroponte, die Laptops zwecks Ermöglichung moderner Bildung und Kommunikation zu Kindern in der dritten Welt bringen will. Anfangs segelte das Vorhaben unter dem ausehenerregenden Titel “100-Dollar-Laptop”, weil Negroponte mit revolutionärer Technologie die Kosten eines richtigen Laptops unter die magische 100-Dollar-Grenze drücken wollte. Aber die Non-Profit-Aktion hatte in ihrer kurzen Geschichte schon mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen: Technische und finanzielle Schwierigkeiten, Kostenüberschreitungen, Konflikte mit Microsoft und Intel sowie Probleme im Umgang mit den Regierungen der Drittweltstaaten, die diese Laptops eigentlich für ihre Kinder kaufen sollten.

Der neuste Konfliktherd des Projektes schwelt aber an einer Stelle, wo man es kaum erwarten würde und wo es der OLPC-Stiftung vielleicht sogar besonders weh tun könnte: An der Heimatfront, bei den grössten Fans des Projektes. Und ich habe das zweifelhafte Vergnügen, zu den Betroffenen zu gehören.

Es geht um die vorweihnachtliche Aktion “Give One, Get One” (G1G1) in deren Rahmen Leute mit amerikanischer Adresse einen OLPC für sich bestellen konnten — vorausgesetzt, dass sie ein weiteres Gerät für ein Kind in der dritten Welt spenden. Für einen Gesamtpreis von 400 Dollar bekam man so ein revolutionäres Stück Technologie sowie das gute Gefühl, etwas zur Bildung in einem armen Land beigetragen zu haben. Das war zumindest die Idee.

Hier eine kurze Chronologie meiner eigenen OLPC-Erfahrungen:

30. November 2006: Ich halte am MIT erstmals einen OLPC aus der Vorserie (mit Seriennummer 001) in Händen und bin begeistert. Keine Frage: Wenn dieses Gerät auch für Westler verfügbar werden sollte, will ich auch eins haben. Und spenden werde ich für das Projekt auch.

Frühjahr 2007: Immer wieder sieht man am MIT irgendwelche Leute mit OLPCs herumlaufen, die auch jedem bereitwilligst erzählen, wie toll und revolutionär das Gerät doch ist. Grrr. So ein Ding muss ich wirklich auch haben. Als Trost installiere ich mir das OLPC-Betriebssystem auf meinem Mac. Macht ohne die richtige Hardware aber keinen Spass.

4. Oktober 2007: Die OLPC-Stiftung kündigt ihr “Give One, Get One”-Programm (G1G1) an. Zwar kostet das Ding inzwischen nicht mehr 100, sondern 200 Dollar, aber für eine Revolution in globaler Bildung und Technologie ist das ja wohl nicht zu viel. Keine Frage, da werde ich mitmachen. Endlich.

12. November 2007: Ich stehe sehr früh auf, weil heute der erste Tag von G1G1 ist. Ich gehöre damit garantiert zu den ersten Bestellern und kann hoffen, das Gerät noch vor Weihnachten zu kriegen. Hurra. OLPC schreibt, dass man mit einer Auslieferung ab dem 14. Dezember rechnen kann.

22. November 2007: Die OLPC-Stiftung kündigt an, dass G1G1 über den ursprünglichen Endtermin hinaus verlängert wird. Ob das wegen des grossen Erfolges oder des grossen Misserfolges der Aktion passiert, ist nicht klar.

10. Dezember: Noch wenige Tage bis zur Lieferung. In den Online-Foren zum OLPC bricht langsam Verwirrung aus, weil noch niemand Bestätigungen oder Fedex-Tracking-Nummern gekriegt hat.

14. Dezember: Die ersten Besteller melden Eintreffen ihres OLPCs. Allerdings scheint keine echte Logik dahinterzustecken. Die ersten Geräte wurden nicht ausgeliefert an Ersttags-Besteller, sondern mehr oder weniger zufällig. Na ja, kann ja passieren. Aber zum allgemeinen Entsetzen melden die ersten Empfänger, dass Fedex die Pakete ohne Unterschriftsanforderung ausliefert und die Laptops an der Zieladresse einfach vor die Tür legt. Kann das wirklich sein?!?

18. Dezember: Ich sitze wie auf glühenden Kohlen, weil weder mein OLPC noch eine Bestätigung da ist und ich morgen in den Weihnachtsurlaub fahre. Aber kein Fedex-Mitarbeiter ist zu sehen.

19. Dezember: Abreise in den Weihnachtsurlaub, ohne OLPC. Die Nachbarin (eine ältere Dame, die immer zu Hause ist) wird instruiert, auf jegliche Pakete zu achten und die sofort in Empfang zu nehmen.

21. Dezember: Die OLPC-Stiftung schickt mir eine Fedex-Tracking-Nummer. Der zufolge wurde mein OLPC am Vortag ausgeliefert, wenige Stunden nach meiner Abreise. Und das tatsächlich ohne Unterschrift, der Fedex-Mann hat laut Tracking-Eintrag das Ding an der Haustüre abgelegt. Ärgerlich, aber meine Nachbarin hat das Ding ja sicher in Gewahrsam genommen. Puh.

8. Januar 2008: Zurück aus dem Urlaub. Bei der Nachbarin klingeln. Die begrüsst mich freudig und drückt mir ein Paket in die Hand. Hurra, mein OLPC! Das Paket ist aber viel kleiner, als ich mir das vorgestellt hatte. Und tatsächlich, ein genauerer Blick lässt meine Gesichtszüge erstarren: Es ist kein Laptop, sondern irgendein Buch. Sonst kam gar nichts für mich? Nein, gar nichts, sagt die Nachbarin, sie hat extra jeden Tag mindestens zwei Mal geguckt. Na toll.

Gleichentags: Nachschauen in den Online-Foren. Die sind voll von Leuten, die immer noch auf ihren OLPC warten. Ein paar Geräte wurden auch geklaut, in ähnlichen Fällen wie meinem.

9. Januar: Anrufen bei Fedex: Da sagt man mir, dass ich einen offiziellen “Claim” einreichen muss. Ich kriege eine Tracking-Nummer und werde um einige Tage (oder Wochen) Geduld gebeten.

21. Januar: Die Presse kriegt Wind von der Story. Die Foren sind voll mit wütenden G1G1-Spendern, die immer noch auf ihren OLPC warten. So manche Weihnachtsüberraschung ist darum ins Wasser gefallen. Einige haben detailliert recherchiert, wo genau das ganze schief gegangen ist. Offenbar hat die Logistikfirma, die dann Fedex beauftragte, irgendwie Mist gebaut. Aber das hilft auch nicht gross.

4. Februar: Fedex schreibt mir, dass man meinen Claim leider erfolglos abschliessen muss und mir nicht helfen kann. Laut Recherche sei das Paket ordnungsgemäss ausgeliefert worden, und der Absender hätte keine Empfängerunterschrift verlangt, weshalb die Schuld nicht bei Fedex liege. Also ist mein OLPC ganz eindeutig von der Haustür weg geklaut worden. Und das erstaunt auch nicht sehr, wenn man die Schachtel sieht, in der die Dinger verschickt wurden:

Olpcpaket-1

Vielleicht hätte man noch draufschreiben können “Achtung, wertvoller und sehr cooler Laptop”, um den Klau-Anreiz perfekt zu machen?

Die ganze G1G1-Aktion stellt sich für die OLPC-Stiftung zusehends als Desaster heraus. Fast jeden Tag kommen neue Pannen ans Tageslicht: So wurde eine Datenbank mit tausenden von Bestellungen aus Versehen komplett gelöscht. Bei anderen Bestellern wurden die Adressen falsch gespeichert, weshalb die Laptops nicht ausgeliefert werden konnten. Etliche Geräte wurden unterwegs oder am Ziel geklaut. Viele sind defekt geliefert geworden, und die Besitzer warten schon seit Wochen auf eine Reparatur.

In den Foren wird der Ton zunehmend aggressiver, zumal OLPC das Problem in Bezug auf die Kommunikationsstrategie nicht gerade meisterhaft gelöst hat, um es mal sehr vorsichtig zu sagen. Die Hotline ist chronisch überlastet, auf Mail wird eher selten geantwortet, und auf so etwas wie eine offizielle Stellungsnahme der OLPC-Führung warten die enttäuschten G1G1-Spender immer noch vergeblich.

Kein Wunder, dass sich immer mehr OLPC-Fans entsetzt von der Stiftung abwenden. Denn wenn OLPC nicht mal in den USA, mutmasslich dem Land mit der bestausgebauten Logistiksystem der Welt, die Geräte erfolgreich verschicken kann, wie soll das denn in der dritten Welt funktionieren?

Als enttäuschter G1G1-Teilnehmer steckt man auch in einem moralischen Dilemma, denn schliesslich hat man es hier nicht mit einem unfähigen kommerziellen Computerhersteller zu tun, sondern mit einer wohltätigen Stiftung, die sowieso unter knappen Geldmitteln leidet. Soll man Ersatz fordern? Die Kreditkartenbuchung rückbelasten (sofern das nach der langen vergangenen Zeit überhaupt noch möglich ist)? Die OLPC-Hotline so lange belästigen, bis etwas passiert — und damit arme, unbezahlt arbeitende freiwillige Mitarbeiter belasten, die auch nichts dafür können und ihre Zeit mit etwas Sinnvollerem verbringen könnten?

Das Schlimme an der Story ist nicht, dass man 200 Dollar in den Sand gesetzt hat und jetzt doch keinen revolutionären Laptop hat, obwohl das auch nicht gerade lustig ist. Das Schlimme ist, dass durch diese ganze Aktion das Vertrauen in die OLPC Foundation ziemlich massiv erschüttert wurde. Kann man wirklich mit gutem Gewissen eine Organisation empfehlen (und dieser Organisation weiteres Geld spenden), die eine so vergleichsweise überschaubare Logistikaufgabe so dilletantisch löst?

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6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Andrea

    schrieb am 5. Februar 2008 um 09:57 Uhr (#)

    Nein, eine solche Organisation kann man nicht empfehlen. Zweitens muss man jeden Mitarbeiter in die Verantwortung nehmen.
    Wenn die OLPC faehig ist, haette sie schnelle gemerkt, dass etwas nicht stimmt und mit dem Logistikunternehmen etwas unternommen. Offenbar hat das nicht stattgefunden. Das ist ein Hinweis auf systematisches schlecht Arbteiten und darf nicht mit Hoffnung auf Besserung nicht ernst genommen werden.

  2. mds

    schrieb am 5. Februar 2008 um 12:25 Uhr (#)

    Kann man wirklich mit gutem Gewissen eine Organisation empfehlen (und dieser Organisation weiteres Geld spenden), die eine so vergleichsweise überschaubare Logistikaufgabe so dilletantisch löst?

    Willkommen in der Welt der «Entwicklungshilfe»! :->

  3. André Wegner

    schrieb am 6. Februar 2008 um 19:05 Uhr (#)

    Das Geld würde ich auf jeden Fall zurückverlangen, schließlich kann man es auch vertrauenswürdigeren Stellen spenden.

  4. Alexander

    schrieb am 11. Februar 2008 um 13:05 Uhr (#)

    Naja, bevor man jetzt zum OLPC Boykott aufruft, sollte man in Betracht ziehen, wie wenig Personal scheinbar an diesem Projekt arbeitet. Laut Aaron Kaplan und Chris Hager sind es knapp 30 Leute, die dieses Projekt in NY schmeissen.
    Und bevor dann die Forderung nach mehr Leuten laut wird, müssen wir auch bedenken, was für Probleme große Strukturen mit sich bringen.
    Ich war beim Lesen des Berichtes auch schockiert, weil man so tatsächlich Spender vergrault und ich bin auch unschlüssig, was die Betroffenen jetzt machen sollen, aber das Projekt zu verdammen halte ich für die schlechteste Option, weil da dann nur EINE Gruppe wirklich darunter leidet …

  5. Dominic

    schrieb am 14. Februar 2008 um 10:54 Uhr (#)

    @Alexander: Naja, du hast zwar schon recht, es trifft im Endeffekt die falschen, aber “Leiden” ist doch schon arg übertrieben. Ich leide wenn ich mal einen Tag ohne meinen PC oder Laptop verbringen muss, aber ein Kind aus der dritten Welt wird sich eher über ne Portion Essen freuen und leiden wenn es drei Tage nix isst (ich weiss, etwas einfach gedacht, ab so ists halt).

    Zu den Schwierigkeitne selbst bleibt eigentlich nur eines zu sagen: Logistikpartner auswechseln, wegen schlechter Vertragsausführung und (ggf.) -bruchs Schadensersatz verlangen, an die grosse Glocke hängen (Presse etc.) um Druck auszuüben und viel Geld für viele Laptops für viele Kinder in der 3. Welt rausschlagen.

    OLPC kann doch nichts dafür, ausser vielleicht das man die Organisationsstruktur und Abwicklung, bsesonders Kontrollmechanismen austauschen sollte. “Auch schlechte PR ist PR” trifft, gerade hier in Dtld, wo UNICEF grad Ärger hat bei solchen Organisationen nicht zu. Gegensteuern!

    Ich finde das projekt grundsätzlich gut!

  6. Jasmin

    schrieb am 28. Februar 2008 um 14:43 Uhr (#)

    Weiss jemand, ob man zu einem Ansichtsexemplar kommt? Und vor allem wo? Ich mache einen Vortrag über OLPC. Ich komme aus der Schweiz.


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