Lieber für Windows zahlen als Linux gratis?
Dass viele Konsumenten so denken, könnte man zumindest meinen, wenn man diese Meldung aus den USA hört: Der Einzelhandelsriese Wal-Mart nimmt den “Green gPC”, seinen Linux-basierten Billigst-PC, aus dem Sortiment seiner Filialen. Dieses System, hergestellt von Everex, verwendete die auf Ubuntu basierende Linux-Variante “gOS” (hier bei neuerdings.com getestet) und bot einen konkurrenzlos niedrigen Preis von nur 200 Dollar für einen kompletten PC ohne Monitor. Online wird der gPC vorerst weiter verkauft, aber bei den Mainstream-Konsumenten in der Filiale ist der Linux-PC offenbar nicht angekommen.
Nun könnte man einwenden, dass die Leute halt keine Billigst-PCs in Wal-Markt-Läden kaufen wollen, aber Wal-Mart verkauft das hardwaremässig praktisch identische Gerät mit Windows Vista weiterhin. Das kostet zwar 79 Dollar Aufpreis, aber die Leute waren offenbar bereit, diesen Betrag für ein vertrautes Betriebssystem zu zahlen.
Natürlich ist eine Wal-Mart-Filiale definitiv kein Ort, an dem man besonders kompetente Beratung über die Vor- und Nachteile verschiedener Betriebssysteme kriegt. Im Zweifelsfall greifen die Leute darum natürlich zu dem Produkt, dessen Markennamen sie wenigstens erkennen, auch wenn das ein bisschen mehr kostet. Das ist ja auch bei anderen Produktkategorien kaum anders.
Nur ist diese Geschichte symptomatisch für die Schwierigkeiten, die Linux auf dem Desktop weiterhin erlebt. Zwar konnte die Linux-Fraktion in den vergangenen Monaten den einen oder anderen Sieg vermelden: Der Linux-basierte Mini-Laptop Asus EEE verkauft sich recht gut, und Dell beschloss auf Anregung der User-Community, seine Maschinen vorkonfiguriert mit Ubuntu anzubieten.
Allerdings zeigt gerade Dells Umsetzung dieser Idee, wie wenig Desktop Linux im Mainstream angekommen ist. Statt Linux als gleichwertige Variante und Konfigurationsoption anzubieten, versteckt Dell seine Ubuntu-Modelle verschämt irgendwo unter einem Menüpunkt. Und auf der entsprechenden Seite ist dann der dominierende Satz “Sie sind nicht sicher, ob Open Source das Richtige für Sie ist?”. Das spricht nicht gerade für grenzenloses Vertrauen des Herstellers. Dieses Verhalten könnte auch damit zu tun haben, dass Dell gerüchtehalber bis im letzten November gerade mal 40′000 Ubuntu-Systeme verkauft hat, was auf eine Quartalsstückzahl von 10 Millionen Maschinen kaum einen Rundungsfehler darstellt.
Selbstverständlich kann man nun die üblichen Konspirationstheorien bemühen, laut denen Microsoft die Hersteller unter Druck setzt, Linux möglichst wenig zu unterstützen. Mag sein. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Linux als Desktop-Betriebssystem noch immer weit davon entfernt ist, für den Durchschnittsbenutzer wirklich tauglich zu sein.
Einfaches Beispiel: Nur schon Adobe Flash zu installieren (was die meisten User im Zeitalter von Youtube wohl früher oder später machen wollen) verlangt Interaktion mit dem Kommandoprompt. Die meisten PC-User denken schon, dass Windows zu kompliziert ist. Wenn man dann im Ernst von ihnen verlangt, Kommandos wie “rpm -Uvh flash-plugin-9.0.115.0-release.i386.rpm” irgendwo einzutippen, verliert man sie garantiert. Auch sonst wird die Arbeit mit Linux immer wieder von allerlei Merkwürdigkeiten beeinträchtigt, für deren Behebung man am besten ein abgeschlossenes Informatikstudium mitbringt. Nicht gerade eine gute Voraussetzung, um an den Mainstream-Konsumenten ranzukommen.
Um eins klar zu sagen: Ich halte Linux für das klar beste Serverbetriebssystem und arbeite jeden Tag damit. Aber auf dem Desktop ist Linux einfach nach wie vor nicht wirklich konkurrenzfähig. In Bezug auf Features und die Reife der Benutzeroberfläche fühlt man sich ungefähr ins Jahr 2000 zurückversetzt. Das wäre nicht an und für sich tragisch, aber der Preisunterschied zu den kommerziellen Betriebssystemen wird durch all diese Nachteile einfach mehr als wettgemacht.
Da Microsoft gezeigt hat, dass man zur Eroberung neuer Märkte auch massive preisliche Konzessionen einzugehen bereit ist (wie mit einer 3-Dollar-Version von Windows für Entwicklungsländer), kann Linux seinen aus der Sicht der Konsumenten wichtigsten Vorteil, den Null-Preis, einfach nicht ausspielen. Realistischerweise wird Linux darum wohl auf dem Desktop weiterhin ein Nischendasein in der Geek-Community fristen.
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11 Kommentare zu diesem Artikel
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bd
Ist leider so, aber falls ein Linux-Desktop einmal installiert und konfiguriert ist, natürlich gemäss den Bedürfnissen, funktioniert und funktioniert er, bis die Festplatte erlischt. Trotzdem: dies ist keine Alternative für die Mehrheit der bequemen Benutzer!
mds
«Windows» ist für die meisten Heimanwender ein Synonym für «Computer», so wie «Google» für «Internet», «Outlook» für «E-Mail», «MSN» für «Instant Messaging» und «Internet Explorer» für «Web», ergo wird «Windows» gewählt … nicht umsonst wächst beispielsweise Apple in der eigenen Marktnische primär mit Anpassungen an «Windows»: Bootcamp für den Mac, USB statt FireWire für den iPod, Microsoft Exchange-Unterstützung für das iPhone, usw.
T.H.
Das kann ich einfach überhaupt nicht bestätigen. Ich krieg’s nach irgendwelchen, nicht nachvollziehbaren äh… ich nenne’s mal Abstürzen oder Nicht-Richtig-Hochfahren ja immer wieder irgendwie zum Laufen, aber 98,5% meiner Freunde/Bekannten/Kollegen hätten entweder nicht die Kompetenz oder nicht die Geduld oder aber schlicht und einfach nicht den Willen dazu, weil’s ja eine funktionierende Alternative gibt - nämlich WindowsXP, für das - auch wenn das jetzt das ein oder andere überheblich-spöttische Geek-Lächeln hervorrufen wird - die oben zitierte Aussage nach meiner Erfahrung eher zutrifft als für Linux. Konkret: Meine letzte Laptop-Festplatte ist (nach langer Laufzeit, ohne daß ich auf den Hersteller böse war) kaputt gegangen, als ich noch keinen Gedanken an eine XP-Neuinstallation verschwendet habe (und ich würd nicht sagen, daß ich das Betriebssystem besonders schone). Und so sieht’s auf vielen Rechnern von Freunden aus. Man sollte die ganze Linux-Bastelei lieber keiner
betriebsprivatwirtschaftlichen Analyse unterziehen (was Andreas Göldi hier im Blog immer besonders beeindruckend macht), denn dann käme man schnell zum Ergebnis, daß sich die paar Euro mehr für Windows vglw. schnell amortisiert haben.Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, daß ich den Willen / die Geduld zum ständigen Wiedereinrichten / Reparieren / Neuinstallieren von Linux aufbringe, weil ich im Prinzip ja gegen die Windows-Mono-Kultur auf dem Desktop bin (was ich damit sagen will: ich bin kein MS-Marketing-Heini, was man ja auch daran erkennt, daß ich nicht Vista bewerbe).
khk
Ich setze seit nunmehr drei Jahren Linux mit Erfolg produktiv ein. Als Selbständiger achte ich dabei durchaus auf Zuverlässigkeit und unkomplizierte Administration. Nach verschiedenen Distributionswechseln landete ich vor einiger Zeit bei Ubuntu. Aufgrund der ausgezeichneten Paketverwaltung sind mir unter Debiansystemen dabei Kommandozeilenorgien bis auf wenige exotische Ausnahmen erspart geblieben.
Ich kann deshalb die hier getroffenen und an diesen Kriterien hergeleiteten pauschalen Aussagen zur Konkurrenzfähigkeit und Desktopfähigkeit nicht nachvollziehen. Wenn ich hier lese, dass der Autor weiss, was denn die ‘meisten PC-User denken’, dann frage ich mich schon woher er denn wohl dieses Wissen haben mag? Nun, wie auch immer, meine Erfahrungen sind eher positiv und ich bin jedenfalls sicher, dass Linux in Zukunft auch in produktiven Einsatzbereichen an Boden gewinnen wird.
mds
Und wieso ist all das notwendig? Für Microsoft Windows gilt es als normal, dass man ein System alle paar Monate vollständig neu aufsetzen muss, aber bei Linux gibt es dafür keine Notwendigkeit … die Software selbst kann man bei den gängigen Distributionen sehr komfortabel per Paketverwaltung aktuell halten. Was gibt es bei Dir ständig zu reparieren, usw.?
shuron
Ist doch klar die Leute die bei Wallmart irren Computer kaufen, könne doch keine Ahnung von Linux haben! Mal ehrlich wer von den den IT Bewanderten würde schon ein PC bei Wallmart kaufen? :)
mds
Microsoft Windows ist trotzdem «an den Mainstream-Konsumenten rangekommen» – jedenfalls schliesse ich das aus all den Hilferufen, die ich täglich erhalte, weil man mich für computerkundig hält … daran allein scheitert Linux jedenfalls nicht.
Johannes
Das ist aber leider auch schon wieder Gesichte, vergl hier
Ciao
Johannes
Kermit Frosch
Also dass der Linux-PC bei Wallmart nicht lief, liegt mE. vor allem daran, dass Käufer eines Billigst-PCs wohl nicht sehr experimentierfreudig sind, was das Betriebssystem angeht. Bei einem Geek-Spielzeug wie den Eee klappt das natürlich besser. Trotzdem finde ich, dass auf Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit ausgerichtete Distributionen wie Ubuntu nicht komplizierter zu bedienen sind als Windows. Sie sind nur in einigen Bereichen anders. Würde man zwei Leute jeweils einmal Ubuntu und einmal Windows von Grund auf neu lernen lassen, hätte der Ubuntu-Nutzer evtl. sogar schneller mehr von seinem PC. Eben eher eine Frage der Gewöhnung.
Übrigens muss man unter Ubuntu zur Installation des Flashplayers nicht die Kommandozeile bedienen. Bei vielen Distributionen wie dem angesprochenen gOS ist er sowieso standardmäßig mit dabei.
Gruß, Kermit.
mds
Stimmt, aber selbst Linus Torvalds bekundet offensichtlich Mühe mit Flash unter Linux, siehe https://bugzilla.redhat.com/show_bug.cgi?id=439858 … ;)
Kermit Frosch
:-) Linus kriegt’s nicht hin..
Wenn ich das richtig gelesen habe gehts da aber um den Open Source-Flashplayer. Der ist noch ziemlich unausgereift. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Es gibt aber auch für Linux den normalen Flashplayer von Adobe, der natürlich ganz normal funktioniert.