Klingelton-Umsätze gehen zurück — eine nützliche Lektion
Von Andreas Göldi am 28. März 2008 um 15:06 Uhr Kommentare (6)
Kategorien: Analysen
Handy-Klingeltöne, diese auditive Landplage und Hoffnungsträger der Musikbranche, haben wohl ihren Zenit überschritten: Neuen Zahlen zufolge gehen in den USA und Europa die Umsätze bereits deutlich zurück, im Rest der Welt stagnieren sie bestenfalls.
Die wenigsten Konsumenten werden wohl dieser Branche nachtrauern, die uns fiese Lärmbelästigung in der Strassenbahn, endlos repetierte Nerv-Werbung, “Crazy Frog”-Musikschrott sowie semikriminelle Teenager-Ausbeutungs-Geschäftsmodelle gebracht hat. Anders sieht das die Musikbranche, denn in Zeiten katastrophal rückläufiger CD-Verkäufe dachten die Plattenmanager, dass man der Jugend wenigstens ein paar überteuerte Klingeltöne andrehen könnte. Das wird dann wohl nix, zumindest nicht im erhofften Ausmass.
Der schnelle Aufstieg und wohl ebenso schnelle Fall der Handy-Klingeltöne ist aber mehr als eine Episode fehlgelaufener Medienentwicklung. Man kann glaube ich was davon lernen.
Der Erfolg der Handy-Klingeltöne basierte auf zwei wesentlichen Säulen:
1. Der Jugendmarkt. Natürlich waren Teenies die primären Kunden der Klingelton-Branche. Und das ist genau das Problem: Kaum eine Generation Jugendlicher findet toll, was die vorherige Generation prima fand. Und da die “Generation Klingelton” jetzt langsam ins Uni-Alter kommt, erlahmt das Interesse an Klingeltönen. Die Teenies von heute werden sich andere Taschengeld-Verwendungszwecke suchen. Interessant ist für Jugendliche eben nur, was einen selbst von den alten Säcken abgrenzt.
2. Abheben von anderen / Ausdruck der Persönlichkeit. Klingeltöne haben wohl vor allem eine soziale Funktion: Man kann damit seinen wunderbaren Musikgeschmack demonstrieren, sich von anderen abheben, aber auch (vor allem für Jugendliche wichtig) seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe signalisieren. Menschen geben viel Geld für solche Dinge aus, ganze Branchen leben davon. Aber wie man aus der Modebranche weiss, sind solche Trends immer sehr kurzfristig. Denn individuell kann man nur sein, wenn man etwas anders macht als die anderen. Und darum erlahmt im Zeitverlauf das Interesse an jeder Form des individuellen Ausdrucks.
Die Klingelton-Branche ritt auf diesen beiden Phänomenen, und sie wird sich nicht davon lösen können. Darum wird diese Form des Ausdrucks zwangsläufig eine Modewelle bleiben (wenn auch eine recht lange und lukrative) und damit unweigerlich ihren Abstieg erleben.
Interessant ist das für die Bewertung anderer Phänomene, die ähnliche Charakteristiken aufweisen. Bei den Klingeltönen sah man einmal mehr, wie komplett falsch Branchenanalysten, Manager und Marktforscher liegen können. Alle sagten noch 2006 den Klingeltönen fantastische zukünftige Wachstumsraten voraus. 2006 kaufte sich Rupert Murdochs News. Corp. noch für viel Geld die berühmt-berüchtigte Klingelton-Firma Jamba, obwohl deren Umsätze schon zurückgingen (”temporär”, versteht sich). Schon ein Jahr später waren plötzlich alle Erfolgs-Propheten ziemlich kleinlaut und mussten ihre Wachstumsschätzungen dramatisch nach unten revidieren.
Das erinnert mich derzeit vor allem an eins: Die immer noch anhaltende Hysterie um Social Networks. Denn Facebook, StudiVZ, Myspace usw. basieren alle
1) auf dem Jugendmarkt als Hauptzielgruppe (wenn auch in unterschiedlichen Segmenten) und
2) auf Persönlichkeitsausdruck (in unterschiedlicher Form, aber überall deutlich sichtbar).
Logische Schlussfolgerung: Diese Vehikel erleben rasantes Wachstum — was wir in den letzten Jahren erlebt haben — erreichen aber recht schnell ihren Höhepunkt — was wir im Fall von Myspace gerade sehen — und gehen dann in einen steilen Sinkflug über, weil die Zielgruppe schon längst weitergezogen ist.
Übrig bleiben dann in paar Jahren als Myspace-User nur ein paar Midlife-Crisis-geplagte Enddreissiger, vermutlich die gleichen, die immer noch mit Micro-Scootern rumfahren.
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6 Kommentare
Hallo Andreas, Klingeltönen würde ich definitiv auch nicht nachtrauern. Interessant finde ich Deine Betrachtung von Klingeltönen als indiv. Ausdrucksmittel. Scheint zwar offensichtlich, ich habe das nur noch nie so gesehen (ws. weil ich selbst noch nie einen Klingelton gekauft habe ;-))
Etwas zu hart formuliert scheint mir Deine These: “darum erlahmt im Zeitverlauf das Interesse an jeder Form des individuellen Ausdrucks.” Klamotten / Mode scheinen schon seit Jahrhunderten die Funktion, die eigene Persönlichkeit darzustellen, zu erfüllen - Ende nicht in Sicht. Es scheint also auch dauerhafte Medien des persönlichen Ausdrucks zu geben?
Klingeltönen würde ich auch eine längerfristige Chance geben, wenn diese das Thema Mass Customization für sich entdecken - so dass Klingeltöne wirklich einzigartig sind und eben nicht der Frog aus der MTV-Werbung
Xooyoo
schrieb am 28. März 2008, 18:46 Uhr (Permalink zum Kommentar)Ich glaube der Rückgang ist auch auf den technischen Fortschritt zurückzuführen. Heute kann sich Jeder ohne großen Aufwand aus seiner Lieblings MP3 File einen Klingelton rausschneiden, den das Handy abspielt. Das war früher mit den Midi Tönen so nicht möglich.
Christopher
schrieb am 29. März 2008, 17:56 Uhr (Permalink zum Kommentar)Muss da xooyoo zustimmen.
Die Gründe, die du nennst mögen zwar eine Rolle spielen, sind aber untergeordnet.
Klingeltöne werden heute kostenlos übers Netz geladen oder aus mp3 files herausgeschnitten. Da jedes Handy mit USB mittlerweile an dem PC anschließen geht ist das kinderleicht.
Danach finden sie eine rasante Verbreitung über Bluetooth.
Klingeltöne spielen im Prinzip immer noch die selbe Rolle, haben aber den Charme des Neuen verloren und niemand ist mehr bereit (oder so blöd) dafür zu bezahlen.
Noel Schütter
schrieb am 3. April 2008, 12:49 Uhr (Permalink zum Kommentar)Die Blöden sterben zwar wohl nie aus (oder wachsen nach) - aber sie lernen halt auch weiter. Ähnliches ist bei Call-In-Sendungen zu beobachten.
Steafn S.
schrieb am 21. April 2008, 15:36 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hallo Andreas & Gratulation zum neuen Blog!
Obiger Beitrag hat mich überrascht. Einerseits ist es “auf den Punkt gebracht” und gut geschrieben!!
Andererseits fehlt mir der Knackpunkt Nr. 1. Jeder weiss heutzutage, wie man Musikstücke per MP3 und USB Kabel aufs Telefon bringt. Diese Klingeltöne lassen sich auch unendlich verbreiten, wie Christopher angebracht hat.
biernot
schrieb am 1. Juni 2008, 03:57 Uhr (Permalink zum Kommentar)Ich denke hier kann man keine Parallelen ziehen.
“Normale” Soziale Netzwerke wie MySpace oder Facebook decken bestimmte soziale Bedüfnisse ab. Diese Bedürfnisse bestehen bei Teenagern, aber auch Erwachsenen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der gesamte Markt nach unten gehen wird. Das wäre so, als wenn du behaupten würdest in ein paar Jahren benutzt kein Mensch mehr ein Handy.
Der “Rückgang” bei MySpace hat u.a. den Grund welchen du auch schon hier angesprochen hast: “Abheben von anderen” und zwar Richtung Facebook.
Der gesamte Markt für soziale Netzwerke wird weiter steigen.
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Tobias
schrieb am 28. März 2008, 17:23 Uhr (Permalink zum Kommentar)